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V.

Und als Literaturwissenschaftler bestimmen die chinesischen Germanisten ihre Tätigkeit – um es gleich auf den Punkt zu bringen – vom Kulturaustausch ausgehend hin zur gegenseitigen Verständigung und versuchen die deutsche Literatur als Kulturgut zu vermitteln, indem sie auswählend, analytisch und urteilend nach Regeln und Standpunkt auf das Hohe, das Erhebende, das Schöne und das Paradigmabildende hin arbeiten. Das zeigt sich z. B. in ihren Forschungsergebnissen, die der Jury der Chinesischen Gesellschaft zur Erforschung der deutschsprachigen Literatur im vergangenen Jahr anlässlich der alle zwei Jahre stattfindenden Preisverleihung in die engere Wahl gekommen sind. Es sind zehn Arbeiten von einer Vielzahl von Publikationen, die von chinesischen Germanisten der jüngeren Generation (unter 40 Jahren) in den vergangenen zwei Jahren im In- und Ausland veröffentlicht worden sind.

 

Unter ihnen ist eine Bestandaufnahme der deutschen Gegenwartsliteratur, in der die Autorin über die in Deutschland kontrovers besprochenen Bücher wie „Im Krebsgang“, „Leibhaftig“, „Tod eines Kritikers“ und „Der Vorleser“ u.a. reflektiert und die gesellschaftlich notwendige Wahrnehmung von Geschichte und Gegenwart als Kern dieser Werke hervorhebt. Unter ihnen sind ferner zwei Untersuchungen, in denen die Autoren das spezifisch poetische Verständnis der weltlichen Zusammenhänge bei der deutschen Klassik und Romantik als Gegenstand nehmen. Oder unter ihnen sind drei Arbeiten, in denen die Autoren sich aus chinesischer Perspektive jeweils mit Stil-und Darstellungsmitteln von I. Bachmann und G. Grass und mit der Theatertheorie B. Brechts auseinandersetzen. Und die Arbeit, die von der Jury mit dem großen Preis bedacht wurde, befasst sich mit der Kafka-Rezeption in China seit 1979. Hier zieht die Autorin in ihrer Zusammenfassung die Bilanz, dass im Zuge der Kafka-Rezeption die chinesischen Interpretationsmethoden und ästhetischen Wertungskriterien sich gewandelt haben, und zwar vom eintönigen Monismus hin zum vielfältigen Pluralismus.

 

An dieser Stelle möchte ich noch kurz zwei von chinesischen Germanisten geschriebene Bücher erwähnen, die in den vergangenen zwei Jahren publiziert worden sind. Es sind zwei wissenschaftliche Monographien, die sich jeweils mit Th. Mann und B. Brecht befassen. Th. Mann und B. Brecht waren bekanntlich zwei wesensunterschiedliche und stilverschiedene Menschen und Schriftsteller. Die Autoren der Monographien gehen in ihren Darstellungen jeweils über das Leben und Werk dieser beiden hinaus in die Seelen-, Sorgen- und politische Schicksalsgeschichte der deutschen Nation hinein und filtern schließlich jeweils das heraus, was diesen beiden Menschen als Schriftstellern trotz aller Unterschiede doch gemeinsam war: Sie wollten die Welt verändern. Sie suchten im literarischen Paradigma die Welt zu erklären. Sie hatten den selbstbewussten Anspruch, die Geschichte zu deuten. Sie hatten die starke Kraft, die Erinnerung an die Schrecken der Deutschen und der Menschheit wachzuhalten. Sie hatten die mutige Phantasie, gegenüber der realen Welt eine Gegenwelt der Sehnsucht, ein sprachliches Utopia der Vorstellung zu errichten. Was also die beiden Autoren der Monographien dem chinesischen Leser schließlich ans Herz legen, das sind die Eigenschaften, auf denen der Ruhm der deutschen Literatur in China ruht.

 

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