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Ex-Leiter des UN-Umweltprogramms: „Zhejiang wegweisend bei der grünen Transformation“

2023-09-21 13:49:00 Source:german.chinatoday.com.cn Author:Erik Solheim*
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Im August 2005 war Xi Jinping, damals noch in seiner Funktion als Parteisekretär der Provinz Zhejiang, zu Besuch in Anji, einem beschaulichen Städtchen umgeben von bewaldeten Hügeln, etwa eine Autostunde entfernt von der Provinzhauptstadt Hangzhou. Vor etwa 30 Zuhörern betonte Xi damals, wie wichtig es sei, dem Naturschutz große Beachtung zu schenken. Klares Wasser und grüne Berge seien so wertvoll wie Gold und Silber, sagte Xi damals. Ein Ausspruch, der es zu einiger Berühmtheit bringen sollte. 

  

Im Nachhinein kann man die Anji-Rede als Wendepunkt in der modernen chinesischen Geschichte bezeichnen. Damals, also vor etwa 20 Jahren, ging das Wirtschaftswachstum in China noch mit starker Umweltverschmutzung einher. Heute ist China weltweit führend beim grünen Wachstum. Damals lag Chinas gesamter Fokus verständlicherweise auf hohen Wachstumsraten, um alle Menschen im Land aus der Armut zu holen. Heute ist dagegen ein qualitativ hochwertiges Wachstum in den Fokus der chinesischen Entwicklungsbemühungen gerückt. 

  

Insbesondere im vergangenen Jahrzehnt hat China vor den Augen der Weltöffentlichkeit eine bemerkenswerte grüne Transformation vollzogen. Die Geschwindigkeit und Entschlossenheit, mit der China seine grüne Wende anstrebt, suchen dabei weltweit ihresgleichen. 

 

  


Früher Bergbaustandort, heute grüne Freizeitoase: Der bei Touristen beliebte Ort Huzhou in der Provinz Zhejiang. 

  

Grüne Transformation in vollem Gange 

 

Kaum ein Landkreis in China zeigt diese wunderbare Wende besser als Pujiang in Zentralzhejiang. Ich hatte 2017 das Glück, das Gebiet als Leiter des UN-Umweltprogramms zu besuchen und war einfach nur verblüfft. Ich habe ein erstaunliches Beispiel dafür gesehen, wie sich im ländlichen Raum eine grüne Revolution vollziehen lässt. Das Zhejiang Rural Green Revival Programme erwies sich als weltweit führende Best Practice. 

  

Als Teil des Jangtse-Einzugsgebiets erlebte Zhejiang bis vor zwei Jahrzehnten eine schreckliche Verschmutzung. Schadstoffe in den Flüssen färbten das Wasser derart weiß, dass im Volksmund von „Milchflüssen“ die Rede war. Heute ist Zhejiang zu einem leuchtenden Beispiel für Chinas Erfolge im Kampf gegen Umweltverschmutzung avanciert. 

  

Die erfolgreichen Pilotprojekte in Huzhou, Quzhou, Jiaxing und Wenzhou in der Provinz weitete China 2016 auf das ganze Land aus, indem die Zentralregierung beschloss, jedem Fluss im Land einen bestimmten Vorsteher, eine Art Flusspaten, zuzuweisen. 

  

Diese Flusspaten oder Flussvorsteher sind die ersten Verantwortlichen, wenn es um den Schutz örtlicher Ressourcen, die Vermeidung von Umweltverschmutzung und ihre Eindämmung sowie die Wiederherstellung der Ökosysteme geht. Unter Aufsicht der Flussvorsteher werden bei entdeckten Umweltvergehen die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen. Die Telefonnummern der Flusspaten sind hierfür öffentlich zugänglich, so dass alle Bürger die Paten jederzeit über alle Vorkommnisse im Zusammenhang mit Umweltvergehen in Kenntnis setzen können. 

  

China hat mit dem Flusspatensystem ein echtes Erfolgsmodell auf die Beine gestellt: Mittlerweile ist es über 97 Prozent der Dörfer Zhejiangs gelungen, die ehemals verschmutzten Flüsse in sprudelnde Gewässer mit sauberem und trinkbarem Wasser umzuwandeln, wovon 30 Millionen Menschen profitieren. Die Flüsse sind so sauber, dass selbst Kleinkinder darin baden können, selbst wenn sie beim Schwimmen etwas Wasser schlucken. 

  

Die Wiederbelebung der örtlichen Wasserstraßen brachte den Menschen zahlreiche Vorteile. So bewirkte sie etwa Veränderungen im Lebensstil. Heute lädt die ansprechende und saubere Wohnumgebung zu ausgedehnten Spaziergängen in der Natur entlang der Flüsse und Kanäle ein. Die schöne Landschaft lockt außerdem zahlreiche Touristen an. Der Tourismus ist zu einem Motor zur Wiederbelebung der ländlichen Wirtschaft geworden. Schmutzige Landstriche haben sich so in nur wenigen Jahren in ein grünes Paradies verwandelt. 

  

Nach meiner Stippvisite vor Ort hatte ich das Gefühl, dass wir in der UNO das Rural Green Revival Programme von Zhejiang mit dem Preis „Champions of the Earth“, der höchsten Umweltauszeichnung der Vereinten Nationen, auszeichnen sollten. 

  

Was Zhejiang auf die Beine gestellt hat, ist wirklich eine dreifache Erfolgsformel – gut für Mutter Erde, gut für das Leben und die Gesundheit der Menschen vor Ort und gut für das lokale Wirtschaftswachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen. Rund 200 Millionen Menschen können in wenigen Stunden Autofahrt Zentralzhejiang erreichen. Die Möglichkeiten für den Tourismus sind also enorm. 

  

Der Jangtse-Wirtschaftsgürtel ernährt ein Drittel der chinesischen Bevölkerung und erwirtschaftet über 40 Prozent des nationalen BIP. Daher ist es von immenser Bedeutung, das durch schnelles und nicht nachhaltiges Wirtschaftswachstum ernsthaft gebeutelte Ökosystem wiederherzustellen. Programme wie das von Zhejiang oder auch das zehnjährige Fischfangverbot in den Gebieten entlang des Jangtse-Wirtschaftsgürtels, einem der wertvollsten Ökosysteme der Welt, helfen dabei, die örtliche Natur wiederherzustellen und ihr neues Leben einzuhauchen. 

 

  


Abfallfischer: Im Dorf Xingfu in Huzhou gehen Arbeiter regelmäßig auf Abfallfang, um das Wasser sauber zu halten. 

  

Erfolgsgeheimnis 

 

Was ist die Erfolgsformel von Zhejiang? Die Antwort lautet: eine gute Politik. Sie ist letztlich der Schlüssel. Die landesweite Einführung des Flussvorstehersystems etwa war eine wichtige Reformmaßnahme, die von Staatspräsident Xi Jinping vorgeschlagen und gefördert wurde. Im Folgenden habe ich einige weitere Erfahrungen aufgelistet, von denen andere Nationen meiner Meinung nach lernen können: 

  

Erstens hat das Beispiel Zhejiang bewiesen, dass sich ein Wandel durchaus schnell realisieren lässt. Ähnlich positive Veränderungen haben sich in der Vergangenheit auch in vielen Teilen Europas vollzogen. Der Rhein, die Donau, die Seine und die Themse sind heute so sauber wie seit Hunderten von Jahren nicht mehr. Doch in Europa nahm dieser Prozess eine längere Zeit in Anspruch. Was in Zhejiang zehn Jahre dauerte, dafür benötigte Europa mehr als vier Jahrzehnte. Zhejiang hat gezeigt: Mit dem nötigen politischen Willen und einer engagierten Regierung kann der Wandel viel schneller gelingen, als die meisten Menschen denken. Und die gute Nachricht ist, dass Mutter Natur durchaus wieder auf die Beine kommt, solange wir nur die nötigen Naturschutzmaßnahmen ergreifen. 

  

Zweitens hat Zhejiang gezeigt, dass die Bekämpfung der Umweltverschmutzung eine Win-Win-Situation ist. Denn das Ergebnis ist nicht nur gut für die Umwelt, sondern auch für die Wirtschaft. Man muss Mensch und Natur an erste Stelle setzen und sich von altherkömmlichen Wachstumswegen verabschieden. Dass China heute auf ein neues Wachstumsparadigma setzt, nämlich auf eine qualitativ hochwertige Entwicklung, ist extrem wichtig. Dieses neue Wachstumsmodell wird zu einem besseren Leben, mehr Arbeitsplätzen und einer besseren Ökologie führen. 

  

Drittens ist eine angemessene Rechenschaftspflicht von entscheidender Bedeutung. Aus diesem Grund ist das Flusspatensystem so inspirierend. Denn durch dieses System weiß man, wer im konkreten Fall die Verantwortung trägt, an wen man sich wenden muss und wen man um Änderungen bitten kann. So herrscht nicht mehr unsichtbare Bürokratie, sondern es gibt ganz konkrete Ansprechpartner. 

  

Die Liste der verschmutzten Flüsse in der Welt ist lang. Der Ganges etwa, der durch viele dichtbesiedelte Teile Indiens fließt, ist einer davon. Die indische Regierung initiierte daher die Nationale Mission für einen sauberen Ganges, und zwar mit ähnlichen Zielen wie China, sprich die schöne Wasserstraße zu reinigen und die Ökosysteme wiederherzustellen. Viele Flüsse, die durch Städte in Südostasien, Afrika und Lateinamerika fließen, sind voller Plastik. Das Zhejianger Modell zeigt, wie rasch sich Veränderungen erwirken lassen, solange wir uns konzentriert und engagiert der Behebung bestehender Probleme widmen. 

  

Keine Nation der Welt gleicht China. Viele Länder mögen keine so effektiven Regierungsstrukturen haben wie die Volksrepublik. Aber es gibt dennoch viel zu lernen. China hat sich bereits angeboten, im Rahmen der Seidenstraßeninitiative in grüne Industrien in anderen Entwicklungsländern zu investieren und seine Erfahrungen im persönlichen Austausch zu teilen. 

  

Wasser ist die kostbarste aller Ressourcen. Genauso wie viele andere Spezies kann der Mensch ohne sauberes Nass nur kurze Zeit überleben. Der Schutz von Gewässern und Feuchtgebieten gehört deshalb zu den wichtigsten Umweltthemen unserer Zeit. Zhejiang hat uns hier den Weg gezeigt. 

  

Die südliche Song-Dynastie (1127-1271), mit Hangzhou als Hauptstadt, bildet einen Glanzpunkt in der globalen Zivilisationsgeschichte vor der modernen Gegenwart. Um das Jahr 1200 lebten in Hangzhou bereits ein bis zwei Millionen Menschen. Zum Vergleich: Die größte Stadt Europas, wahrscheinlich Paris, zählte damals weit unter 100.000 Einwohner. Der junge europäische Reisende Marco Polo besuchte Hangzhou während der Yuan-Dynastie (1271-1368). Er hatte noch nie eine solche Pracht gesehen und beschrieb Hangzhou als „paradiesisch“. Während der Song-Dynastie (960-1271) erfanden die Chinesen die Druckerpresse mit beweglichen Lettern, noch 400 Jahre vor der Erfindung des Buchdrucks in Europa. Und auch wasserbetriebene Spinnmaschinen kannte China schon 500 Jahre vor dem Einsetzen der industriellen Revolution. Die nördliche Song-Hauptstadt Kaifeng und die südliche Song-Hauptstadt Hangzhou waren zudem Orte, die die globale Kochkultur entscheidend prägten. Kein Wunder, dass ein altes chinesisches Sprichwort Hangzhou und Suzhou als Paradies auf Erden preist. 

  

Auf dem bezaubernden Westsee von Hangzhou nahmen Henry Kissinger und Zhou Enlai die Zusammenarbeit zwischen den USA und China wieder auf und veränderten damit die Weltgeschichte. Zhejiang hat China und die Welt schon einmal angeführt. Jetzt führt uns Zhejiang in die grüne Transformation des 21. Jahrhunderts.    

  

*Erik Solheim ist ehemaliger Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen. 

 

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