Ein Kühlschrank, der tiefgefrorenes Fleisch in zehn Minuten auftaut und anschließend frisch hält? Eine Dunstabzugshaube, die auch nach zehn Jahren ohne Demontagereinigung sauber bleibt? Eine Vakuum-Garkammer, die die Zubereitung von Michelin-würdigen Sous-Vide-Gerichten zu Hause ermöglicht? Was nach Zukunftsmusik klingt, ist bei manchem in China ansässigen Unternehmen längst Realität. Hier tüfteln Produktentwickler aus aller Welt an neusten Hightech-Innovationen. So auch die Mitarbeitenden von BSH Home Appliances China. In der China-Repräsentanz des deutschen Haushaltsgeräteherstellers in Nanjing, der Hauptstadt der Provinz Jiangsu, spürt man überall die faszinierende Verbindung von Hightech und Alltagskomfort. Vor Ort im Werk des Traditionsunternehmens haben wir uns angesehen, wie dieser Global Player mit deutschen Wurzeln seine Investitionen in China strategisch neu ausgerichtet hat.
Kräftig in China investiert: Der Hausgeräte-Park von BSH in der Nanjing Economic and Technological Development Zone (Foto: Interviewpartner)
1994 betrat die BSH Hausgeräte GmbH erstmals den chinesischen Markt und schlug Wurzeln im weit entfernten Nanjing. In den darauffolgenden dreißig Jahren beschleunigte das Unternehmen den Aufbau seiner Wertschöpfungskette vor Ort kontinuierlich. Einer der ersten Meilensteine war die Gründung der BSH China-Vertriebsgesellschaft im Zhongnan International Tower im Nanjinger Stadtbezirk Gulou im Jahr 1997, die zum Aufbau des Vertriebs- und Servicenetzwerks in China diente. 2004 folgte die Gründung der BSH Home Appliances (China) Co., Ltd. (Jiangsu) und des BSH-Hausgeräteparks in der Nanjing Economic and Technological Development Zone, wo ein Produktionsstandort mit drei kooperierenden Fabriken für Waschmaschinen, Küchengeräte und Motoren entstand. 2011 richtete der Konzern dann sein chinesisches Forschungszentrum in Nanjing ein, 2020 weihte die Firma das neue Gebäude des Forschungszentrums ein. Dabei flossen Investitionen von 400 Millionen Yuan in das Großprojekt auf einer Gesamtfläche von 4,7 Hektar. Im Juni vergangenen Jahres wertete BSH sein chinesisches Forschungszentrum schließlich zum größten integrierten globalen Forschungszentrum der Unternehmensgruppe weltweit auf. Über 700 Mitarbeitende forschen und tüfteln hier seither an neuen Hightech-Produkten.
„Unser globales Forschungszentrum hier vor Ort übernimmt nun die Entwicklung von Kernprodukten der BSH-Gruppe und widmet sich der Forschung und Innovation im Bereich Spitzentechnologie“, erklärt Chen Chao, General Manager von BSH China. Die Aufwertung zum globalen Forschungszentrum komme dem Start eines „chinesischen Innovationsmotors“ gleich, so Chen. „Wir nutzen Chinas Forschungsstärke, um den globalen Markt der gesamten Gruppe zu bedienen.“
BSH-Innovationsmotor in Nanjing: Das Gebäude des globalen Forschungszentrums der BSH Hausgeräte GmbH (Foto: Interviewpartner)
Warum aber siedelte die Gruppe ihr leistungsstärkstes Innovations-Brain ausgerechnet in Nanjing an? Yao Yong, Vorstandsvorsitzender von BSH China, nennt den großen chinesischen Markt sowie die vorzüglichen Bedingungen in Bezug auf Fachkräfte und Innovation als Schlüsselfaktoren.
Er sagt: „Erstens bietet der riesige chinesische Markt einen breiten Anwendungskontext für unsere Forschungsergebnisse. Zweitens verfügt China über reichhaltige Talentressourcen. Insbesondere Nanjing mit seiner Konzentration an Hochschulen liefert Unternehmen wie unserem kontinuierlich hochqualifiziertes Personal. Gleichzeitig ist China eine Innovationshochburg. In allen Branchen, einschließlich der Haushaltsgerätesparte, gibt es hier kontinuierlich innovative Durchbrüche“, so Yao. Dank der Unterstützung der örtlichen Regierung und der Nanjing Economic and Technological Development Zone sei man mit mehreren Hochschulen in Jiangsu, darunter die Nanjing University, die Southeast University und die Jiangnan University, tiefreichende Kooperationen in Bereichen wie KI, Lebensmittelmanagement und Textilien eingegangen, was die Forschung weiter verbessert und die Produktqualität gesteigert habe.
Im Interview: Yao Yong, Vorstandsvorsitzender von BSH Home Appliances (Foto: Zhao Piao)
Der strategische Wechsel der China-Repräsentanz von der Produktion hin zu verstärkter Forschung spiegelt auch Nanjings Anstrengungen, Innovation und Forschung in der Stadt gezielt zu fördern. Ziel ist eine Ausweitung der Außenöffnung auf hohem Niveau.
In den letzten Jahren hat Nanjing gezielt globale Führungsunternehmen der Lieferkette und funktionale Hauptsitze multinationaler Unternehmen angezogen, die sich auf Kerntechnologien und Schlüsselbereiche konzentrieren. Seit diesem Jahr setzt die Metropole außerdem auf Aktionen wie „Deutsche Unternehmen – Auf geht’s nach Nanjing“ und „Europa zu Besuch – Europäische Unternehmensdelegationen in Nanjing“, im Rahmen derer die Stadt mehr als 160 Kooperationspartner vermitteln und die Unterzeichnung von 16 hochwertigen Projekten fördern konnte.
Gleichzeitig nutzt Nanjing seine Ressourcenvorteile einer dichten Hochschullandschaft und einer großen Talentkonzentration voll aus, um ausländische Unternehmen bei Forschung und Innovation zu unterstützen. Im Mai dieses Jahres veröffentlichte Nanjing sein „Maßnahmenpaket zur Stabilisierung ausländischer Investitionen 2025“. Darin kündigen die Verantwortlichen für die kommenden Jahre explizit eine verstärkte Unterstützung ausländischer Firmen bei ihrer Forschung und Entwicklung an. Und die Maßnahmen fruchten: Mittlerweile ist die Zahl der ausländischen Forschungszentren in der Stadt von anfangs neun (2021) auf heute 48 angewachsen.
Im März dieses Jahres veröffentlichte PricewaterhouseCoopers (PwC) in China den Forschungsbericht „Einblicke von Führungskräften multinationaler Unternehmen in China: Integration des chinesischen Innovationsökosystems in die globalen Strategien multinationaler Unternehmen“. Der Report zeigt, dass multinationale Konzerne bei der Standortwahl ihrer Innovations- und Forschungszentren besonders auf die „Verfügbarkeit von Talenten“ (55 Prozent der Befragten) und den „Schutz geistigen Eigentums“ (41 Prozent der Befragten) achten.
Und genau hier kann Nanjing augenscheinlich punkten, bietet die Stadt doch die nötige Unterstützung durch Fachkräfte, kombiniert mit kontinuierlichen Anstrengungen zur Verbesserung des Schutzes geistiger Eigentumsrechte. Diese Kombination ermutigt multinationale Unternehmen zu verstärktem Engagement in der Provinzhauptstadt.
Tao Yuanyuan, stellvertretende Leiterin des Amts für Investitionsförderung der Nanjing Economic and Technological Development Zone, berichtet, dass die Zone in der ersten Jahreshälfte gemeinsam mit der Behörde für Öffentliche Sicherheit einen Fall von Markenrechtsverletzung untersucht habe, der dem schwedischen Unternehmen Epiroc einen Verlust von mehr als 67 Millionen Yuan erspart habe. „Der sichere Schutz von geistigem Eigentum ermutigt Unternehmen, in Forschung und Entwicklung zu investieren, was wiederum die industrielle Innovation und die Entwicklung neuer Produkte vorantreibt“, sagt sie.
Der Wandel Nanjings vom Produktionsstandort zum Forschungszentrum ist letztlich auch ein Spiegel der Erfolge Chinas bei seinen Bemühungen um mehr hochwertige Entwicklung. Chinas stabile Fortschritte in zahlreichen Bereichen wie Technologie, Außenhandel, intelligente Fertigung und IP-Schutz bieten ausländischen Unternehmen heute breiten Raum für vertiefte Kooperationen. Von „Made in China“ zu „Innovation for China“ – Chinas Tor zur Öffnung nach außen öffnet sich also immer weiter, was dazu führt, dass ausländische Unternehmen sich vermehrt in China verankern, um von hier aus die Welt zu bedienen.