Wie schön wäre es, wenn man veränderte Produktionsabläufe im Computermodell testen könnte, bevor man dies in der Realität mit allen Konsequenzen tut. Ja, davon träumten lange Zeit viele deutsche Unternehmer. Nun wird ausgerechnet in China dieser allzu deutsche Perfektionisten-Traum wahr. Dahinter steckt viel Erfindergeist.
Noch vor wenigen Jahrzehnten galt China als Werkbank der Welt. Die Volksrepublik war damals für billige Massenware mittelmäßiger Qualität berühmt und berüchtigt. Die Produktion in Deutschland dagegen stand in dieser Zeit für Effizienz und Genauigkeit. „Made in Germany“ war das strahlende Qualitätssiegel, das langlebige, clevere und schöne Produkte versprach.
Seitdem hat sich viel getan. Wer heute nach China reist, sieht immer noch riesige Fabriken. Aber diese sind inzwischen sehr modern, hochgradig automatisiert und total digital. In China versteht man sehr schnell, was mit „intelligenter Fertigung“ gemeint ist. Denn die Chinesen machen auch hier keine halben Sachen. Ihre Konsequenz und ihr Innovationsehrgeiz setzen weltweit Maßstäbe.
Intelligente Fertigung ist Henry Fords Produktionsstraßen um Lichtjahre voraus. Sie geht sogar weit über am Fließband hin und her schwenkende Roboter hinaus. In einer intelligenten Fabrik können Fehler erkannt werden, bevor sie auftreten. Abläufe werden automatisch angepasst. Produkte entstehen nach Kundenwünschen. Moderne Maschinen, klug platzierte Sensoren und Algorithmen erstellen gemeinsam Produkte und dabei gleich auch noch die Daten für ein Update dieser Produkte. Das Zusammenspiel ist nahezu perfekt.
An dieser automatisierten Montagelinie für Gabelstapler der Anhui Forklift Group überwachen Mitarbeiter prozessorientierte Produktionsaufgaben.
Hohe Roboterdichte und kluger Hightech-Einsatz
China ist mit Hochgeschwindigkeit in die Produktionsspitzenliga vorgestoßen. Über 470 Industrieroboter kommen heute auf 10.000 Beschäftigte, Deutschland liegt bei 429. Von weltweit 201 sogenannten Leuchtturmfabriken, die das Weltwirtschaftsforum (WEF) gemeinsam mit der Unternehmensberatung McKinsey als Vorbilder für intelligente Produktion ausgezeichnet hat, stehen 85 in China – also mehr als 42 Prozent. Analysen zeigen, dass solche Werke gegenüber herkömmlichen Fabriken im Schnitt drei bis fünf Jahre Vorsprung bei Effizienz, Produktivität und Ressourcennutzung haben.
Wer intelligente Fertigung einmal selbst sehen will, muss nicht lange suchen. In Hefei, in der Provinz Anhui, betreibt der Haushaltsgerätehersteller Midea eine Fabrik, in der Kühlschränke und Waschmaschinen flexibel nach Kundenwunsch gefertigt werden. Möglich wird das durch eine Kombination aus Robotik, Datenanalyse und digitaler Planung.
In der Beijinger Entwicklungszone Yizhuang baut Xiaomi eine hochmoderne Autofabrik, in der Elektroautos von hunderten Robotern montiert werden. Herzstück sind digitale Zwillinge – virtuelle Abbilder der Produktionslinien, in denen Abläufe simuliert werden, bevor man sie umsetzt. Fehler lassen sich so vermeiden, Verbesserungen vorab testen.
Den Reiz der intelligenten Fertigung hautnah erleben: Besucherinnen und Besucher bei einer Besichtigung der Megafabrik von Xiaomi Automobile im März 2025
Dunkle Fabriken – vom Mythos zur Realität
Auch die Schwerindustrie erlebt einen Wandel. Baosteel betreibt eine hochautomatisierte Anlage, die Medien als „dunkle Fabrik“ bezeichnen. Dunkel deshalb, weil Roboter im Prinzip ohne Licht auskommen und kaum noch Menschen benötigt werden. In Wahrheit arbeiten dort nach wie vor Techniker, aber der Begriff verdeutlicht, wie weit die Automatisierung bereits fortgeschritten ist.
„Dunkle Fabrik“ klingt nach Science-Fiction. Aber so etwas gibt es tatsächlich. Es handelt sich aber meist nur um Abschnitte von Werken, in denen Roboter und Steuerungssoftware nahezu allein arbeiten. Menschen sieht man dort nur noch bei Störungen oder während Wartungsarbeiten. Der Begriff ist also eher eine Metapher, verdeutlicht aber den Trend zur weitgehend autonomen Produktion.
Anders als bei künstlicher Intelligenz ist intelligente Fertigung für viele Menschen nicht greifbar. Doch die Folgen sind direkt spürbar. Produkte werden günstiger und hochwertiger. Modellwechsel erfolgen schneller – ob bei Autos, Smartphones oder Haushaltsgeräten. Und Individualisierung wird möglich: Kühlschränke in Wunschfarben, Möbel nach Maß, Elektronik nach persönlichen Vorlieben.
Ein Techniker der Wuhan Iron and Steel Co., Ltd. nutzt das Fernüberwachungssystem „5G+AR“, um in Zusammenarbeit mit Experten in der Zentrale Inspektionen durchzuführen und so eine Fernanalyse des Gerätezustands und der Betriebsbedingungen zu ermöglichen.
Roboter hautnah erleben
Die intelligente Fertigung wird in China auch inszeniert. Wie beim Roboter-Halbmarathon im April in Beijing zeigt man auch hier gerne, was man kann, um die Welt für chinesische Hochtechnologie zu begeistern. In der chinesischen Hauptstadt öffnen einige Werke ihre Tore für Besucher. So bietet Xiaomi seit Anfang 2025 öffentliche Führungen durch seine Autofabrik in Yizhuang an, samstags in kleinen Gruppen. Die Stadtregierung hat zudem offizielle „Fabriktourismus“-Routen geschaffen. Eine davon führt zu einer Superfabrik für vernetzte Elektrofahrzeuge, einer Demonstrationszone für autonomes Fahren und einem Robotikzentrum.
Die Robot World in Beijing-Yizhuang zeigt die neuesten Fortschritte. Während der Maifeiertage 2025 strömten etwa 1400 Menschen in die Ausstellung, in der Roboter aus Medizin, Alltag und Industrie zu sehen waren. Bald soll es regelmäßige Tage der offenen Tür geben.
Die jährlich in Beijing stattfindende World Robot Conference hat sich längst zu einem Publikumsmagneten entwickelt. 2025 präsentierten Unternehmen dort über 100 Neuheiten – von bionischen Tierrobotern bis zu vollautomatisierten Industrierobotern. Intelligente Fertigung ist in China nicht nur ein Fachthema, sondern auch ein Erlebnis für die Öffentlichkeit, ein Teil von Stadtmarketing und Zukunftsvision. Kinder, die das erleben, studieren später bestimmt auch eher MINT-Fächer.
Deutschland – Land der Ingenieure und der nie umgesetzten Pilotprojekte
Deutschland hat eine lange Tradition in Sachen Maschinenbau und Ingenieurskunst. Die industrielle Basis ist stark, der Mittelstand berühmt für seine Innovationsfreude. Doch leider bleibt es oft bei genialen Pilotprojekten. Kleine Versuchsanlagen zeigen, was möglich wäre, doch die breite Umsetzung stockt. Hohe Energiekosten, kleinteilige Vorschriften und auch der Fachkräftemangel gelten als die größten Bremsklötze. Während China ganze Industrieparks zu Clustern intelligenter Fertigung umbaut, scheint Deutschland an Insellösungen festzuhalten. Viele deutsche Unternehmer hoffen zudem auf staatliche Förderung.
Auch die EU hat die Bedeutung der intelligenten Fertigung erkannt und Programme aufgelegt. Doch während in China innerhalb weniger Jahre neue Fabriken entstehen, ringen europäische Länder um Zuständigkeiten und Standards. Das kostet zu viel Zeit, was im knallharten Wettbewerb fatal sein kann. Europa könnte und sollte mit seiner Kombination aus Präzision, Qualität und Nachhaltigkeit punkten.
Am 19. August 2025 montiert ein Arbeiter Batteriespeicheranlagen am Produktionsstandort von Voltfang, einem Batteriespeicher-Hersteller in Aachen.
China als Vorbild für Deutschland
China macht vor, wie man eine Industrie in kurzer Zeit transformiert. Entscheidend ist nicht, dass Pilotprojekte existieren, sondern dass sie rasch in die Breite getragen werden. Es ist wie mit Ideen, derer es bekanntlich viele gibt. Es zählt einzig die Umsetzung. Mit Mut zum Tempo, politischer Unterstützung und dem Willen, große Summen zu investieren, hat es China an die Spitze geschafft. Nein, Deutschland muss nicht alles kopieren. Aber es kann sich inspirieren lassen. Auf einer To-do-Liste könnte stehen: Entscheidungen beschleunigen, mehr Mut zur Umsetzung, weniger Zögern.
Intelligente Fertigung ist kein Widerspruch zu Nachhaltigkeit. Im Gegenteil, sie spart Energie und Material. Deutschland könnte hier mit seinen hohen Umweltstandards sogar einen eigenen Wettbewerbsvorteil entwickeln und ausbauen.
Die intelligente Fertigung liegt nicht im Nebel der fernen Zukunft, sie findet bereits statt. China hat gezeigt, dass sie funktioniert – und das im XXL-Maßstab. Deutschland hat alles, um nicht abgehängt zu werden. Es hat sogar eine Chance, eigene Stärken einzubringen: Präzision, Qualität, Ingenieurskunst, gepaart mit digitaler Intelligenz.
China sollte nicht nur als Konkurrent, sondern auch als Vorbild betrachtet werden. Die Volksrepublik beweist, dass sich Industrie neu erfinden lässt – und dass diese Neuerfindung Wohlstand, Nachhaltigkeit und technologische Souveränität gleichermaßen stärken kann. Wer jetzt investiert, wird in Zukunft vorne dabei sein. Deutschland sollte also einfach handeln und dort die Zusammenarbeit suchen, wo ein Nach-Erfinden zu langsam und aufwendig wäre.
Wenn am 5. Mai 2055 – meine gewagte Prognose – vor staunenden Ehrengästen Produkte „einfach so“ in einer leeren Halle materialisieren, ist das vielleicht das Ergebnis chinesisch-deutscher Ingenieursmagie.
*Nils Bergemann ist studierter Journalist mit langer Erfahrung als Redakteur und Kommunikationsexperte bei Verlagen und anderen Unternehmen. Zuletzt arbeitete er fünf Jahre für die China Media Group. Weiterhin in Beijing lebend unterrichtet er seit 2023 Deutsch, Sprachwissenschaften und Wirtschaft an der University of International Business and Economics.
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