Nur zähflüssig fließt heute der Verkehr, an diesem 7. Februar, rund um das Nanninger Guangxi-Stadion. Fast alle Hotels in der Umgebung der Arena sind ausgebucht, die sozialen Netzwerke geflutet mit Selfies von Musikfans mit bunten Leuchtarmbändern. Oberflächlich betrachtet mag es sich nur um ein gewöhnliches Popkonzert handeln. Doch bei genauerem Hinsehen verbirgt sich dahinter ein wirtschaftlicher Impulsgeber mit starker Zugkraft weit über das eigentliche Event hinaus. Im südwestchinesischen Nanning, der Hauptstadt des Autonomen Gebiets Guangxi der Zhuang, enden Konzerterlebnisse längst nicht mit dem letzten Takt. Sie sind ein Botschafter für hiesige kulinarische Spezialitäten und Kultur, ein Testfeld für Mobilität sowie ein echter Konsummotor. Im Wettstreit chinesischer Städte um die Gunst junger Zielgruppen, touristische Aufmerksamkeit und die Entwicklung neuer Wachstumsmodelle hat sich Nanning erfolgreich mit seiner sogenannten „Konzertökonomie“ positioniert. Welches Erfolgsrezept verbirgt sich dahinter? Wir tauchen ein und begeben uns auf Spurensuche.
Popkonzert innen, Kreativmarkt außen
Der Grund für die Blechlawinen vor dem Konzertgelände: Vom 7. bis 8. Februar gastiert Ella Chen – in China besser bekannt als Chen Jiahua – in der Stadt, ein echter Megastar. Zehntausende sind an diesem Februarwochenende nach Nanning gepilgert, um die Sängerin live auf der Bühne zu erleben. Als es soweit ist, brandet Jubel durchs Stadion, Tausende stimmen textsicher ein, Lichtstäbe flackern im Takt der Musik. Auf dem Platz vor der Arena ergibt sich derweil ein anderes Bild, allerdings nicht minder quirlig und turbulent: Zwischen Ständen mit lokalen Köstlichkeiten und trendigem Kunsthandwerk drängen sich mindestens ebenso viele Besucherinnen und Besucher wie im Stadion – vor, während und nach dem Konzert. Sie schlendern, kosten Streetfood, drehen kleine Basteleien in den Händen. Konzertbesuch und Stadterlebnis treffen so auf dem Stadiongelände aufeinander.
Drinnen Ohrenschmaus, draußen Gaumenschmaus: Vor dem Konzert futtern sich viele Zuschauer auf der Fressmeile gerne durch das Spezialitätenangebot. (Foto: Wang Ruying)
Unter dem Motto „Konzertreisen“ hat die Nanning Culture & Tourism Group diesen Kreativmarkt im letzten Jahr ins Leben gerufen, um über Live-Events zusätzliche Impulse für Tourismus und Konsum zu schaffen. Noch bevor die ersten Töne im Stadion erklingen, sorgen kunterbunte Märkte wie dieser bereits für festliche Vibes, sind zu einem beliebten Begegnungspunkt für Fans aus allen Landesteilen avanciert. Im Mittelpunkt des Marktes sind heute Leinwände mit Bildern von Ella Chen aufgestellt, vor denen die Fans gerne für Selfies und Erinnerungsschnappschüsse posieren. Daneben preisen Standinhaber traditionelles und modernes Kunsthandwerk an, etwa Brokat der Volksgruppe der Zhuang oder duftende Kräuterbeutel. Und das „Essential“ für Chinesen darf natürlich auch nicht fehlen: gutes Essen! Reisnudeln, sauer eingelegte Obst- und Gemüsesnacks, bunter Klebreis – an den Ständen mit lokalen Köstlichkeiten schlagen Foodieherzen höher und schlängeln sich lange Warteschlangen.
„Ich bin für das Konzert nach Nanning gekommen und hätte nicht gedacht, dass mich schon der Kreativmarkt vor dem Konzert dermaßen begeistert“, sagt Frau Gong, die gerade die würzigen Reisnudeln probiert hat. Sie ist eigens aus der benachbarten Provinz Guangdong angereist. „Durch ein Musikevent ganz nebenbei auch die kulinarische Vielfalt Nannings entdecken zu können, ist wirklich klasse!“
Erinnerungsschnappschuss mit dem Idol – wenn auch nur als Fotoleinwand. Sängerin Ella Chen sorgt in Nanning für ausverkaufte Ränge. (Foto: Wang Ruying)
„Unser Ziel ist es, über das Konzertfieber als Vehikel einen Gesamterlebnisraum für Kultur und Tourismus zu eröffnen. So machen wir unsere Stadt touristisch noch attraktiver, schaffen einen neuen Wachstumstreiber“, erklärt Bi Dan, stellvertretende Geschäftsführerin der Nanning Culture & Tourism Group, das Konzept. Sie zeigt sich zufrieden: 2025 hat ihre Firma insgesamt 21 solcher Konzertmärkte organisiert, mit einem Gesamtumsatz von über 3,5 Millionen Yuan (etwa 427.000 Euro). „Die Märkte erweitern den Wert der Konzertbranche von reinen Eintrittsgeldern hin zu vielfältigen Konsumformen, was die hochwertige Entwicklung der Kultur- und Tourismuswirtschaft in Nanning unterstützt“, sagt sie.
Erfolgsformel „Konzert + Tourismus“
Der lebhafte Kreativmarkt rund um das Stadion ist ein gutes Beispiel für den Spillover-Effekt der Konzertbesucherströme. Davon inspiriert basteln die lokalen Behörden bereits an neuen Ideen. Die Kernfrage dabei: Wie kann der gesamte städtische Kultur- und Tourismussektor vom Konzert-Hype profitieren? Ihre Antwort: Die Einführung eines Kombipakets, das Konzerte mit weiteren touristischen Angeboten verbindet. Hierfür haben die Verantwortlichen beispielsweise ausgewählte Tourismusrouten entwickelt, die das zeitlich begrenzte Konzertinteresse in längere Aufenthalte mit vielfältigen Erlebnissen verwandeln.
„Das Nanninger Kultur- und Tourismusbüro hat für Konzertzuschauer spezielle Routen vorbereitet, um ihnen zu helfen, ihre Zeit vor und nach dem Event sinnvoll zu nutzen und möglichst viel zu sehen“, erklärt Bi. So könnten die Menschen tagsüber Sehenswürdigkeiten wie das historische Städtchen Yongzhou oder den Qingxiu-Berg besuchen, bevor es abends in die Arena geht. Sogar nach dem Konzert gehe das Erlebnis für die Besucher noch weiter: „Eine nächtliche Bootsfahrt auf dem Yong-Fluss, belebte Nachtmärkte und andere abwechslungsreiche Angebote laden die Gäste ein, ins pulsierende Nachtleben Nannings einzutauchen und so ihre Reise in vollen Zügen zu genießen“, sagt die Tourismusexpertin.
Angebote wie diese würden zudem mit vergünstigten Eintrittspreisen kombiniert, die ausschließlich Konzertbesuchern vorbehalten seien, sagt sie. Dazu gehörten beispielsweise Ticketermäßigungen von bis zu 50 Prozent für ausgewählte Attraktionen. Darüber hinaus bietet die Nanning Culture & Tourism Group Konzertbesuchern kostenlosen Einlass bei verschiedenen Veranstaltungen. So können Ella-Chen-Fans beispielsweise Gratistickets für die Laternenausstellung in Yongzhou beziehen und so vorab Frühlingsfestatmosphäre schnuppern.
Überraschung für die Fans: Eine Zuschauerin scannt einen QR-Code, um sich ein kostenloses Ticket für die Laternenausstellung zu sichern. (Foto: Wang Ruying)
„Jedes kleine Konzertticket kann einen erheblichen Multiplikatoreffekt auslösen, kurbelt den Konsum in Gastronomie, Hotellerie und Tourismus maßgeblich an“, sagt Bi. Laut Statistiken hat Nanning 2025 insgesamt 44 Konzerte und Musikfestival veranstaltet, die fast 650.000 Besucher anzogen und Einnahmen in Höhe von 3,6 Milliarden Yuan generierten. „Wir setzen darauf, durch den Konzertbesucherzustrom die integrierte Entwicklung von Kultur, Tourismus und Handel in der gesamten Region voranzutreiben“, erklärt die Geschäftsfrau.
Vom Menschen her denken
Um den Besuchern ein Gesamterlebnis mit Wohlfühlfaktor zu bescheren, verfolgt Nanning den Servicegedanken bis ins letzte Detail. Ein Beispiel: Nach dem Konzert und den vielfältigen spätabendlichen Aktivitäten ist es entscheidend, dass Zehntausende sicher und zügig nach Hause bzw. ins Hotel zurückkommen. Hierfür ergreift Nanning eine Reihe vorbildlicher Maßnahmen: Zwischen dem Stadion und ausgewählten U-Bahn-Stationen verkehren spezielle Shuttle-Busse. Rund um die Konzertzeit verlängert die U-Bahn zudem ihre Betriebszeit und setzt zusätzliche Züge ein, um den Zuschauern eine bequeme Heimfahrt zu ermöglichen. Dies spiegelt nicht nur das Engagement der Stadtverwaltung, sondern auch Entscheidungsprozesse, die stets vom Menschen her gedacht sind. Nanning liefert damit genau das, was die Besucher brauchen – auf den Punkt genau.
Mit suchendem Schritt strebt die große Stadt immer nach der nächsten Verbesserung. Angesichts zunehmend individualisierter Reisebedürfnisse und der Herausforderungen des Strukturwandels der Tourismusbranche richtet Nanning den Blick zudem mehr und mehr auf innovative Technologien. Im vergangenen Jahr wurde die Plattform „Smart Travel Nanning“ offiziell gelauncht, entwickelt von der Nanning Culture & Tourism Group. Über die neue Plattform können Besucher gleichsam Tickets für Konzerte und Sehenswürdigkeiten sowie Hotelübernachtungen buchen. Reisen lassen sich somit über eine einzige Anlaufstelle planen.
Alles über eine App: „Smart Travel Nanning“ erleichtert Touristen ihre Reise. (Foto: Wang Ruying)
Die Plattform hat weit mehr zu bieten als reine Buchungsfunktionen. Ein besonderes Highlight ist der integrierte KI-Assistent. Bereits ab dem Ticketkauf für ein Konzert erhalten die Nutzerinnen und Nutzer individuell zugeschnittene Empfehlungen von der KI – von Reiserouten über Schlemmertipps bis hin zu Eventterminen und Rabattinfos. „Per Handy kann man quasi die ganze Stadt durchstreifen, das ist extrem praktisch“, lobt Bi.
Dank des innovativen Gesamtkonzepts ist die Konzertökonomie mittlerweile zu einer tragenden Säule der Stadtentwicklung Nannings gereift. Sie spiegelt nicht nur die Dynamik der Stadt und kurbelt den Konsum an, sondern hat auch ein ganz neues Modell für die integrierte Entwicklung von Kultur, Tourismus und Handel geschaffen. Für die Zukunft habe ihre Firma noch viel vor, wie Bi erklärt: „Wir werden uns bemühen, mit offenen Armen und noch professionellerem Wissen ein neues Kapitel in der hochwertigen Entwicklung der Kultur- und Tourismusbranche unserer Stadt aufzuschlagen.“ Die Weichen dafür sind bereits gestellt.