Vom Langen Marsch hörte ich zum ersten Mal in meinem eher linken Elternhaus, lange bevor ich ahnte, dass ich einmal Sinologie studieren und mich beruflich mit China beschäftigen würde. „Die Verhältnisse könnten auch ganz anders sein“, hieß es bei uns gelegentlich. Als Schulkind lernte ich zugleich: Die Geschichte war so gekommen, wie sie gekommen war, und damit war im Grunde bewiesen, dass sie so kommen musste. Das war praktisch. Geschichte war das einzige Unterrichtsfach, in dem die Zukunft rückwirkend feststand.
Der Lange Marsch begann 1934 nicht als Triumphzug, sondern als strategischer Rückzug einer Bewegung, die beinahe auf verlorenem Posten stand. Die Rote Armee legte in diesem Gewaltmarsch auf verschiedenen Routen und Umwegen über zwölftausend Kilometer durch unwegsames Gelände zurück: Schneeberge, Sümpfe, Hunger, Krankheiten und Scharmützel brachten ihre Kräfte immer wieder bis an die äußerste Grenze des Durchhaltevermögens. Wer darin bloß eine Flucht sieht, irrt ebenso wie derjenige, der einen von Anfang an geplanten Siegeszug nach Yan’an daraus macht. Aus Rückzug wurde Rettung, aus Rettung Neuorientierung, aus Neuorientierung schließlich Revolution. Es hätte alles auch ganz anders kommen können.
Die Größe des Langen Marsches liegt nicht darin, dass die Kommunisten immer richtiglagen, sondern darin, dass sie im Ernst existenzieller Not Fehler erkennen, Führung verändern und den Kurs korrigieren konnten. Eine aufgeriebene Armee bewies langen Atem, biss die Zähne zusammen und ging weiter, nicht blindlings, sondern lernend. Das ist politisch wertvoller als Unfehlbarkeit.
Sozialismus war in meiner Kindheit eine merkwürdige Sache. Bei uns zu Hause konnte das Wort nach Hoffnung klingen, in der Schule eher nach Mangelwirtschaft, grauen Häusern und Leuten, die über Mauern kletterten. Jahrzehnte später sitze ich in chinesischen Hochgeschwindigkeitszügen, sehe Städte, die nach allem, was mir beigebracht wurde, gar nicht existieren dürften, und lausche wohlhabenden chinesischen Familien, die als Touristen durch charmant vermüllte Berliner Kieze flanieren (nicht ahnend, dass ich ihre Sprache verstehe). Das Komische an einem Weltbild ist: Man bemerkt selten, dass man eines hat, solange die Welt sich höflich daran hält.
Das Wort „Mythos“ blinkt im Deutschen gern wie eine Warnlampe: Achtung, hier könnte jemand Geschichte mit Legende verwechselt haben. Doch ein Gründungsmythos muss kein falsches Narrativ sein. Die Wendungen, Verluste und Beinahe-Katastrophen des Langen Marsches machen seine spätere Bedeutung nicht kleiner, sondern größer. Der Lange Marsch ist eine Singularität, ein militärischer Meisterstreich und eine opferreiche Odyssee und rangiert unter den folgenreichsten Ereignissen der Menschheitsgeschichte. Es hätte alles auch ganz anders kommen können.
Merkwürdigerweise kennt man in Deutschland den Ausdruck „Langer Marsch“ besser als das Ereignis selbst. Wir kennen den „langen Marsch durch die Institutionen“ und den „Internationalen Frauentag: Auf dem Langen Marsch zur Gleichberechtigung“. Die Metapher wanderte aus den chinesischen Bergen in westdeutsche Universitäten und begann dort ein sprachliches Eigenleben. So kann es kommen, dass eine Gesellschaft die Metapher erbt und das Gedächtnis verliert.
Eine klassische chinesische Wendung trifft den Geist des Marsches schöner als viele moderne Schlagwörter: „Schwere Not und Mühsal schleifen dich zu Jade (艰难困苦,玉汝于成) “. Der Satz geht auf den Philosophen der Song-Dynastie Zhang Zai (1020–1077) zurück. Wir Deutschen werden bei Widerstandsfähigkeit gern metallurgisch: eiserner Wille, stählerne Nerven. Das chinesische Bild finde ich feiner. Widerstand macht den Menschen nicht nur hart, er schleift und veredelt ihn. Es geht um mehr als Durchhalten: um Bewährung und Schärfung des Möglichkeitssinns.
Gerade für einen Marxisten liegt im Langen Marsch ein reizvolles Paradox. Der Marxismus kam aus den industrialisierten Gesellschaften Europas mit einem ganzen begrifflichen Kartenwerk von Fabrik, Stadt und Proletariat nach China, und musste dort lernen, dass eine Landkarte nicht das Gelände ist. Die chinesische Revolution war nicht erfolgreich, weil sie Marx wegwarf, sondern indem sie Theorie an Wirklichkeit rieb, bis Funken entstanden. Darin erkenne ich etwas wieder, das mich am chinesischen politischen Denken bis heute beeindruckt: übernehmen, prüfen, zerlegen, anpassen, weitergehen. Ein Dogma besitzt nur Antworten. Eine lernende Bewegung besitzt eine Richtung.
Ich schreibe diese Zeilen in einer Zeit des Übergangs, am Vorabend einer Wahl, bei der sich in Deutschland wieder viele fragen, wie Außenseiter die Herzen so vieler Menschen gewinnen konnten. Während vor 90 Jahren die Kuomintang dem chinesischen Volk zwar die nationale Befreiung versprach, gewann die Kommunistische Partei Chinas die Herzen der Menschen auch deshalb, weil sie neben der nationalen Befreiung auf die Befreiung der Arbeiterklasse und der Bauern zielte. Eine Armee kann Gelände besetzen, eine dauerhafte Bewegung muss jedoch im Alltag glaubwürdig werden. Irgendwann muss die Saat aufgehen.
Geschichte besteht überhaupt aus erstaunlich vielen Türen, die sich beinahe in die andere Richtung geöffnet hätten: 480 v. Chr. war Athen gefallen und die persische Eroberung Griechenlands fast vollendet. Ein einziger Tag bei Salamis kippte den Krieg, aber es hätte auch alles ganz anders kommen können. 1792 marschierten die europäischen Monarchien auf Paris zu, ehe ihnen eine französische Revolutionsarmee bei Valmy den Weg versperrte. Rückblickend zeichnen wir Geschichtskarten mit dicken, geraden Pfeilen. Die Männer und Frauen des Langen Marsches sahen diese Pfeile nicht. Sie sahen Nebel, Kreuzungen und den nächsten Schritt.
Für einen Deutschen ist vielleicht dies das Fremdeste am Geist des Langen Marsches: dass Geschichte nicht nur Mahnung, sondern Wegweisung sein darf. Wir sind mit dem unentbehrlichen „Nie wieder“ groß geworden. Aber ein Verbotsschild ist noch kein Reiseziel. Der amerikanische Traum fragt: „Wie kann ich ein besseres Leben aufbauen?“ Deutschland fragt: „Was darf nie wieder geschehen?“ China, so habe ich allmählich verstanden, fragt: „Wohin gehen wir gemeinsam?“
Vielleicht ist das Beunruhigende zugleich das Ermutigende am Langen Marsch: Eine geschlagene, erschöpfte und irrlichternde Truppe idealistischer Gefährten kann dem Untergang nahe sein, den Kurs ändern, das Blatt wenden und am Ende ein Jahrhundert prägen. Es hätte alles auch ganz anders kommen können. Ausdauer heißt nicht, denselben Schritt endlos zu wiederholen. Sie heißt, dem Schicksal die Stirn zu bieten, mit letzter Kraft über Stock und Stein weiterzugehen, auch nachdem man lernen musste, anders zu gehen. Solange Menschen weitergehen, ist Geschichte noch nicht zu Ende.
In Deutschland weht derzeit wieder viel Schwarz-Rot-Gold von Balkonen, Kleingärten, Autorückspiegeln und Werbeplakaten. Machen Sie bei Gelegenheit ein kleines Experiment: Fragen Sie einen der Fahnenschwenker einmal beiläufig, woher diese Farben eigentlich kommen und wofür sie historisch standen. Wird Ihnen jemand eine klare Antwort darauf geben können?
*Holger Schneider ist freiberuflicher Übersetzer und promovierte als Doktor der Philosophie in Sinologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.