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Qilou Old Street in Haikou: Mehr als nur eine weitere Touristenmeile

2026-01-19 11:18:00 Source:german.chinatoday.com.cn Author:Xia Yuanyuan
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Wer eine gesehen hat, kennt sie alle? Von wegen! Wer die Qilou Old Street in Haikou entlangschlendert, merkt schnell, dass hier vieles anders ist. Das liegt nicht nur an den behutsam restaurierten Altbauten im Qilou-Stil. Anders als manch andernorts leben hier nämlich noch immer viele Alteingesessene in den Häusern und der Alltag geht wie eh und je seinen Gang. Mit dem Aufbau des neuen Freihandelshafens Hainan finden nun immer mehr junge Gründer und Kreative den Weg in das Viertel. Ein Besuch vor Ort. 

 

Eine frische Meeresbrise streift durch die Straßen und Gässchen von Haikou. Sie streichelt dabei auch die Dächer und Fassaden der Altbauten im traditionellen Qilou-Stil. Diese geschichtsträchtigen Gemäuer erinnern daran, wie einst abenteuerlustige Einheimische von hier aus in andere Teile Südostasiens aufbrachen, um fern der Heimat Geld zu verdienen. Nach jahrelanger harter Arbeit in Übersee kehrten sie am Ende aber doch in die alte Heimat zurück. Mit im Gepäck: reichliche Ersparnisse. Und diese flossen schließlich zu einem Großteil in den Bau besagter Qilou-Häuser – eine in Stein gegossene Melange aus östlichen und westlichen Architektureinflüssen. Das alles ist nun gut ein Jahrhundert her. Doch noch immer erinnern die Gebäude als stille Zeitzeugen an diese frühen Expeditionen der Hainaner, und an ihre unbändige Abenteuerlust. 

  

Auch einhundert Jahre später sprüht dieser Ort vor Leben. Das war längst nicht immer so. Wer ein Gefühl für den neuen Wind bekommen möchte, der heute durch die historischen Straßenzüge weht, für den ist die Qilou-Straße die wohl beste Anlaufstelle. Seit China den Aufbau des Freihandelshafens Hainan angestoßen hat, zieht es immer mehr Menschen in die Küstenstadt Haikou – Neuankömmlinge, Rückkehrer, internationale Künstler. Jeder der kommt, haucht dem geschichtsträchtigen Ort dabei auf seine ganz eigene Weise neues Leben ein. 

  

Erneuerung als Balanceakt 

Mittendrin findet sich Zhao Aihua. Als sie 2009 als Projektleiterin mit dem Schutz und der Sanierung der alten Qilou-Straße betraut wurde, bot sich ihr ein Bild des Verfalls. Der Zahn der Zeit hatte sichtlich genagt an den einst schmucken Bauwerken im südasiatischen Stil. Die Gebäudestrukturen waren mürb, der Putz bröckelte. „Damals reihten sich hier noch Gemischtwarenläden und Eisenwarenhandlungen aneinander“, erinnert sie sich. Kurzum: Von dem, was man sich gewöhnlich unter einer historischen Kulturmeile vorstellt, war das Viertel noch meilenweit entfernt. 

  

Zhao und ihr Team nahmen die Sanierung behutsam in Angriff. Kern sei ein dreiphasiges Schutzkonzept gewesen, erzählt Zhao. „Es reichte vom Umbau der Altstadt über behutsame Modernisierung bis hin zur Stadterneuerung“, sagt Zhao, die als Vorsitzende der Investment- und Entwicklungsfirma der heutigen Qilou Old Street fungiert. Als Projektleiterin sei sie sich ihrer großen Verantwortung von Beginn an bewusst gewesen. „Es ging nicht darum, die alten Bauwerke einfach abzureißen und neu zu errichten“, sagt sie, „sondern darum, die Geschichte neu zum Leben zu erwecken.“ Die Mission: die Spuren der Vergangenheit bei der Renovierung gezielt erhalten. 

  

Die Authentizität der alten Gemäuer bestmöglich zu bewahren, verlangte Zhao und ihrem Team akribische Detailarbeit ab. Die Gruppe zog alte Fotos heran und führte lange Gespräche mit Alteingesessenen. Man bohrte sogar Löcher in die Wände der Altbauten, um Proben der Baumaterialien zu gewinnen. Nach einer chemischen Analyse beauftragte das Team schließlich eine örtliche Fabrik damit, identisches Baumaterial nach dem Originalrezept von damals herzustellen. „Wir haben dabei die Kernstruktur der Gebäude bestmöglich erhalten. In Fällen, in denen das raue Seeklima den Gebäuden schon zu sehr zugesetzt hatte, haben wir zumindest die Außenoptik originalgetreu bewahrt, und nur im Inneren Veränderungen vorgenommen. Schließlich müssen die Altbauten nach der Sanierung auch zum Betrieb moderner Geschäfte taugen“, erklärt uns Zhao. 

 

 

 

Zeitreise in die Vergangenheit: Zhao Aihua, Leiterin der Sanierungsarbeiten in der Qilou Old Street, erklärt uns das Vorgehen. (Foto: Duan Wei) 

  

Auch für die Community war das Modernisierungsvorhaben eine Herausforderung. Viele der alteingesessenen Ladeninhaber sorgten sich angesichts der Veränderungen um ihre Existenz, Eigentümer fürchteten einen Leerstand ihrer Immobilien. Zhao sprach ganz offen mit allen Beteiligten über deren Bedenken, suchte stets das direkte Gespräch. Geduldig erläuterte sie allen Besorgten die großen Entwicklungsperspektiven des Viertels, versprach, veraltete Geschäftsmodelle gezielt durch vielversprechende neue Branchen wie Kulturangebote, Tourismus und Kreativindustrie zu ersetzen und den Ortsansässigen bei der Transformation nach allen Kräften unter die Arme zu greifen. Im Übergangsprozess garantierten die Verantwortlichen den Anwohnern zudem Soforthilfen, um entstehende Einnahmeausfälle zeitnah abzufedern. 

  

Zehn Jahre später sind Zhaos Versprechen eindeutig wahr geworden. Heute hat sich das historische Viertel mit seinen malerischen Gässchen zu einem hoch frequentierten Touristenspot der Kategorie 4A aufgeschwungen. Das ist die zweithöchste Einstufung im chinesischen Tourismusregister. Am Neujahrstag 2026 beispielsweise verzeichnete das Viertel über 110.000 Besucher. Das Wichtigste dabei: Die alten Straßenzüge haben sich ihre Seele und ihren ursprünglichen Charme bewahrt. Noch immer leben Alteingesessene in den Häusern, und der Alltag geht wie eh und je seinen Gang. „Ein solcher Transformationsprozess gelingt nur, wenn man die Menschen mitnimmt und die Stadtkultur wertschätzt“, betont Zhao.  

  

Die Arbeit von Zhao Aihua und ihrer Gruppe hat eine solide Grundlage für die zukünftige Entwicklung des Viertels gelegt. Rund 490 Altbauten hat man inzwischen erfolgreich umgebaut. Und mehr noch: Es wurde neuer Raum für neue Möglichkeiten geschaffen. Vor dem Hintergrund des Aufbaus des neuen Freihandelshafens und des mit der neuen Visafreiheit einhergehenden zunehmenden internationalen Austausches finden auch immer mehr internationale Kunstausstellungen ihren Weg nach Haikou – auch in die neue Qilou-Kulturstraße. Die hiesigen Ladenflächen sind somit heiß begehrt. Dem Trend folgend siedeln sich mittlerweile viele Auslandsrückkehrer und junge Menschen hier an, um den Schritt in die Selbstständigkeit zu suchen. „Entsprechend entwickeln sich auch die Geschäftsmodelle des Straßenviertels immer weiter“, sagt Zhao. 

  

Küstenort als Kunstmagnet 

Zhao Aihua hat mit ihrem Team quasi das Fundament des Stadtviertels gefestigt. Die Künstlerin Chen Ru schlägt auf dieser Grundlage nun eine Brücke zwischen Hainan und der Welt. Angelockt vom Freihandelshafenprojekt kehrte die gebürtige Hainanerin, die zuvor in den USA studiert und gelebt hatte, 2018 in ihre Heimat zurück. Sie mietete ein seit 15 Jahren leerstehendes Gebäude und verwandelte es in eine schmucke Galerie, die den Namen „Qilou“ trägt. 

  

„Was den Freihandelshafen für mich als Galeriebetreiberin besonders attraktiv macht, ist in erster Linie die Null-Zoll-Politik für Kunstwerke und natürlich die Visafreiheit“, sagt die junge Kunstbegeisterte voller Enthusiasmus. Durch diese Politik sänken die Kosten und Hürden für internationale Künstler, sich in Hainan auszutauschen, hier Ausstellungen zu geben und ihre Kunstwerke zu verkaufen. Chen sagt: „Im Vergleich zu Metropolen wie Beijing oder Shanghai verfügt Hainan über günstigere politische Rahmenbedingungen, die den internationalen kulturellen Austausch erleichtern.“ 

 

 

 

Gutes Gespür: Chen Ru erkannte schon früh das Potenzial des neu gestalteten Viertels als Standort für eine Kunstaustauschplattform. (Foto: Duan Wei) 

  

Wie von Chen erhofft, haben die Verantwortlichen ihre politischen Ideen tatsächlich schnell in die Tat umgesetzt. Seit der Eröffnung im Jahr 2024 konnte die Qilou-Galerie bereits zahlreiche Ausstellungen mit ausländischen Partnern veranstalten, etwa aus Italien, Südkorea und Japan. In Chens Galerie treffen verschiedene Kunstformen aufeinander. Doch als Privatgalerie sieht sich die Betreiberin auch mit einigen Herausforderungen konfrontiert, gesteht sie. Der Betrieb sei nicht immer einfach und es mangele an finanziellen Mitteln. Dennoch blickt die passionierte Kunstliebhaberin zuversichtlich in die Zukunft. „Ich bin fest überzeugt, dass der Freihandelshafen Hainan einen fruchtbaren Boden bietet für Kulturinnovationen. Meine Hoffnung ist es, die hiesigen politischen Vorteile gut dafür zu nutzen, die Qilou Old Street über kurz oder lang in eine international gut vernetzte Plattform für den Kunstaustausch zu verwandeln“, sagt Chen. 

  

Altes Kulturerbe erwacht zum Leben 

Während Chen ausländische Kunst nach Hainan bringt, verhilft Huang Yaosen chinesischer Kultur auf die internationale Bühne. Der junge Rückkehrer ist Mitglied des Vereins für den Schutz und die Fortführung des immateriellen Kulturerbes der Stadt Haikou. Gleichzeitig betreibt er den Yiyo Kunstworkshop für immaterielles Kulturerbe. Lange hätten örtliche traditionelle Kunstformen ein angestaubtes Image gehabt, sagt Huang, und wirtschaftlich kaum Einnahmen generiert. 

  

Immaterielles Kulturerbe komme häufig etwas altbacken daher. „Ich möchte hier einfach für mehr Coolness sorgen“, sagt der junge Gründer und lacht. Und in Sachen Trendsetting hat Huang durchaus Erfahrung. Bevor er nach Haikou zurückkehrte, war er eine Zeitlang in der Shenzhener Kreativindustrie tätig. Der Rückkehrer bringt also einen Riecher für Marketing mit. Und mit dem will er das immaterielle Kulturerbe seiner Heimatstadt nun für junge Leute attraktiver machen. Kunsthandwerk dürfe nicht als Exponat in irgendwelchen Depots versauern, findet er, sondern müsse Teil der modernen Alltagswelt werden. Mit seinem Workshop in der Qilou Old Street will er persönlich seinen Teil dazu beitragen. 

 

 

 

Daumen hoch: Mit seinen Kreativprodukten lockt Huang Yaosen zunehmend ein junges Publikum nach Haikou. (Foto: Duan Wei) 

 

Wer den Kunstladen von Huangs Kreativwerkstatt betritt, bekommt einen guten Eindruck von der frischen Ideenvielfalt des jungen Gründers: Hier finden zum Beispiel die bekannten Muster der traditionellen Webereien der Volksgruppe der Li neue Anwendung als stylischer Kopfschmuck, traditioneller kantonesischer Kräutertee wird zum süßen Erfrischungsgetränk verfeinert, um sich dem Gaumen der neuen Generation anzupassen. Außerdem hat der kreative Kopf ein neues Trendgetränk entwickelt, das den örtlichen Zhegu-Aufguss mit Obst mischt. In kürzester Zeit ging der Drink viral. 

  

Huang Yaosen belässt es aber längst nicht bei der kreativen Neuvermarktung alter Traditionen. Mittlerweile hat der junge Mann auch eine eigene Abendschule für immaterielles Kulturerbe eröffnet. Mit über zwanzig Kursen, darunter Cloisonné, Batiken und Kokosnussschnitzen, bietet die Einrichtung jungen Menschen einen sozialen Begegnungsraum, in dem sie sich an traditionellen Handwerkskünsten erproben können. Das Erfolgsrezept sei einfach, sagt Huang. „Wir verstehen uns darauf, den besonderen Reiz des örtlichen immateriellen Kulturerbes ans Licht zu bringen und traditionelles Handwerk in das moderne Leben zu integrieren“, sagt er. 

  

Huangs Geschichte zeigt eine andere Facette der Öffnung Hainans, nämlich die Suche nach Impulsen und Wachstum von innen heraus. Mit seiner jungen Perspektive und seinen marktorientierten Ansätzen verleiht Huang Yaosen dem traditionellen immateriellen Kulturerbe neue Kraft und beweist der Welt damit, dass Hainan mehr zu bieten hat als malerische Strände und pittoreske Landschaften. Vielmehr schlummern auf der Insel auch tiefgründige, lebendige Kulturschätze voller Möglichkeiten, die nur darauf warten, entdeckt zu werden. 

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