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Kommentar: Chinas lange Tradition von Kultur und Zivilisation

2023-11-16 17:13:00 Source:german.chinatoday.com.cn Author:Robert Walker*
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China hat seine herausragende Stellung in der Weltwirtschaft wiedererlangt. Darüber hinaus hat es eine gleichwertige Position in der Weltpolitik und -diplomatie eingenommen und vertritt in der Regel die Interessen der Entwicklungsländer. 

  

Gleichzeitig hat Chinas Führung die Aufmerksamkeit auf die Wurzeln seiner Kultur gelenkt. Chinas Staatspräsident Xi Jinping betonte auf einer Tagung über kulturelles Erbe und Entwicklung im Juni 2023 die Wichtigkeit von Originalität, Einheitlichkeit, Beständigkeit, Inklusivität und des friedlichen Charakters der chinesischen Zivilisation. 

  

Seit langem wurde die chinesische Kultur als Synonym für Zivilisation angesehen. So wie christliche Gelehrte einst Jerusalem für das Zentrum der Welt hielten, nahmen die chinesischen Weisen an, dass China - übersetzt das „Reich der Mitte“ (Zhongguo 中国) - das Zentrum der Zivilisation sei. Als die Kartographen um 1300 n. Chr. Jerusalem auf der ältesten mittelalterlichen Karte der Welt, der Mappa Mundi, in den Mittelpunkt stellten, gab es die chinesische Kultur seit bereits mehr als 2000 Jahren. 

  

China ist eine Zivilisation ohne Grenzen, die schon lange vor der Erfindung des Nationalstaates existierte. In der heutigen Zeit ist die chinesische Diaspora in allen Ecken der Welt zu finden, die mit China durch eine leicht erkennbare gemeinsame Kultur und ein gemeinsames Lebensverständnis verbunden ist. 

  

Abgesehen von der Großen Mauer konzentrierte sich die politische Aufmerksamkeit in China fast immer auf das Zentrum der Zivilisation, obwohl man mit einigem Stolz feststellte, dass sich der kulturelle Einfluss Chinas weit von der kaiserlichen Hauptstadt entfernte. China traf nicht früh auf Zivilisationen gleichen Kalibers oder gleichen Entwicklungsstandes. Indien, von dem China den Buddhismus übernahm, bestand aus einer Vielzahl von Königreichen. Korea, Vietnam, Thailand, Myanmar und Japan wurden in unterschiedlichem Maße von der chinesischen Kultur beeinflusst, und dementsprechend wurde ihnen ein unterschiedlicher Grad an Zivilisation bescheinigt. 

  

Die Große Mauer markierte nie die Grenze des chinesischen Einflusses; sie war defensiv und schützte das kulturelle Kernland. Tatsächlich schwankte die geografische Ausdehnung Chinas in den Jahrhunderten nach der ersten großen Einigung unter Kaiser Qinshihuang im Jahr 221 v. Chr. und dem Wiederaufbau der Mauer erheblich. In der Tang-Dynastie (618-906 n. Chr.) war die Landfläche jedoch mit der des modernen Chinas vergleichbar, dessen Grenzen größtenteils erst während der Qing-Dynastie (1644-1911) formell festgelegt wurden.  

  

Zur Zeit der Song-Dynastie (960-1279) war Chinas Segelflotte bereits die größte der Welt, doch strebte das Land nie nach Eroberungen in Übersee. Die Kaiser seit der Zhou-Dynastie (ca. 1100-256 v. Chr.) behaupteten, im Auftrag des Himmels zu regieren. Die offizielle Anerkennung des Konfuzianismus während der Han-Dynastie (206 v. Chr. - 220 n. Chr.) prägte vor allem dauerhaft das öffentliche Verständnis von Herrschaft. Es wird davon ausgegangen, dass chinesische Herrscher aufgrund ihrer Tugendhaftigkeit regieren. Wenn sie dem Pfad der Tugend folgen, können sie die universelle Harmonie sicherstellen; wenn sie dies nicht tun, führt dies zu sozialem Chaos, was ihre Autorität untergräbt und ihre Absetzung legitimiert. 

  

In diesem Sinne besteht das konfuzianische Erbe also darin, dass Herrscher als wohlwollend angesehen werden und ihre Handlungen der Öffentlichkeit die Freiheit geben, ihr Leben so zu gestalten, wie sie es wünscht. Die westliche liberale Demokratie hingegen geht davon aus, dass die Politiker Eigeninteressen verfolgen und nur durch die Androhung von Wahlen kontrolliert werden. Freiheit wird nach Ansicht der Libertären durch die Reduzierung der Macht der Regierung erreicht. 

  

In den Kunstgalerien, von denen das Nationale Kunstmuseum in Beijing eine der besten ist, wird die Vielseitigkeit der chinesischen Kultur besonders deutlich. Sie zeigt sich in der Darstellung einer Vielzahl unterschiedlicher Landschaften, die Chinas kontinentale Ausmaße vermitteln - üppiger Dschungel, karge Steppen, wolkenverhangene Berge, grünes Weideland und stark industrialisierte Flussufer. In ähnlicher Weise wird sie im überschwänglichen Ausdruck der 56 ethnischen Gruppen Chinas gefeiert: mit der Darstellung von Tänzen, in farbenprächtigen Stickereien und in den volkstümlichen Überbleibseln der vorindustriellen Zeit, in denen Handelswerkzeuge als Objekte der Begierde hergestellt wurden. 

  

Auch gibt es eine Geschichte der Innovationen in Kunst und Industrie - Seidengewebe (ca. 6500 v. Chr.); Tinte (ca. 2500 v. Chr.); Lack (ca. 400 v. Chr. in der Zhou-Dynastie); Papier (ca. 100 n. Chr. in der Han-Dynastie); Holzschnitt und Druck (ca. 200 n. Chr. in der Han-Dynastie); Gravur (ca. 750 n. Chr. in der Tang-Dynastie) und Lavierung (ca. 850 n. Chr. in der Tang-Dynastie) und die erstaunliche Kontinuität in ihrer Verwendung. Moderne Künstler zeichnen sich nach wie vor durch die Verwendung von Tusche und Lavierung auf traditionellen vertikalen oder horizontalen Papierrollen aus. Wie ihre Vorfahren malen sie Orchideen-, Bambus-, Chrysanthemen- und Pflaumenblüten, die die Jahreszeiten und die vier Tugenden des idealen konfuzianischen Menschen - Demut, Reinheit, Rechtschaffenheit und Beharrlichkeit - darstellen. 

  

Das chinesische Schriftsystem geht mindestens auf die Shang-Dynastie zurück, d. h. auf die Zeit zwischen 1600 v. Chr. und 1100 v. Chr., und die Kalligrafie gilt bis heute als die höchste Form der Malerei. Daher hat die Kalligrafie eine ungebrochene Tradition von mehr als 3.000 Jahren. Die Kalligrafie wird oft mit der Poesie in Verbindung gebracht, da der ideale Dichter und Kalligraf ein und derselbe ist. Sie wird in Kunstgalerien, aber auch als Bodenschrift in öffentlichen Parks zelebriert. Mit armlangen, in Wasser getränkten Pinseln werden chinesische Schriftzeichen auf gepflasterten Flächen gemalt. Die Zeichen verflüchtigen sich schnell; Perfektion, wenn sie denn je erreicht wird, ist daher immer nur von kurzer Dauer. 

  

Vergleicht man die Nationalgalerien Chinas und Londons, so fällt auf, dass es in der chinesischen Kunst vergleichsweise wenig große Mythen und Religionen gibt. Stattdessen wurden Landschaft, Natur und Tierwelt - eher die Erde als der Himmel - in China gefeiert, lange bevor sie in der westlichen Kunst in den Mittelpunkt gerückt wurden. Gewöhnliche Menschen stehen in der chinesischen Kunst eher im Mittelpunkt als geflügelte Helden oder reiche Landbesitzer. Außerdem sind die Bilder von Menschen, die ihrer täglichen Arbeit nachgehen, häufig in der überwältigenden majestätischen Natur versteckt. 

  

Die Konzentration auf das Gewöhnliche, auf Arbeit und Arbeiter, ist ebenfalls charakteristisch für die chinesische Kunst seit 1949. Das Gewöhnliche wird jedoch zu etwas Außergewöhnlichem, da Arbeiter und Bauern als Helden und Vorbilder dargestellt werden, die sich oft dramatisch gegen einen riesigen Himmel abzeichnen. Ihre Porträts dokumentieren den wirtschaftlichen Fortschritt Chinas von den Landarbeitern über den Bergbau, die Stahlproduktion und die Fabriken, die Waren in die ganze Welt exportieren, bis hin zur Hightech-Industrie und der Erforschung des Weltraums. 

 

  


Eine Besucherin betrachtet eine Reihe von Kunstwerken, die sich mit den Bauarbeitern befassen, die unsere Städte aufbauen. Anlässlich des Jahrestages der Reform und Öffnung Chinas wurde im November 2018 in der Shanghaier Bibliothek eine Ausstellung mit dem Titel „Meine Geschichten, meine Bilder - 40 Jahre aufgezeichnete Geschichte“ für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. (Foto: Xinhua) 

  

Einzigartig in der chinesischen Kunst ist auch das vorherrschende Gruppenbild, dargestellt in Farbe, Harz oder Marmor: Soldaten, Arbeiter, Tänzer, Wissenschaftler und sogar Mediziner, die für ihren Sieg über die COVID-19-Pandemie gefeiert werden. China ist keine Kultur des Individuums. Sein Erfolg liegt in der Fähigkeit seiner Menschen und Völker, für das Gemeinwohl zusammenzuarbeiten. 

  

In seiner Rede im Juni rief Staatspräsident Xi Jinping das chinesische Volk dazu auf, „eine unabhängige kulturelle Psyche zu entwickeln, die sich auf das stützt, was die chinesische Nation in der Vergangenheit und in der Gegenwart erreicht hat“. In Anbetracht der Stärke und Besonderheit der chinesischen Kultur ist dies unbedingt notwendig. Chinas schnelles Wirtschaftswachstum und die Aspekte der Moderne, die am stärksten nach Verwestlichung klingen, werden in die chinesische Kultur assimiliert werden - so wie die Mongolen Chinas Yuan-Dynastie (1279-1368) gründeten und die Mandschu-Kultur sich in die letzte Qing-Dynastie verwandelte. 

  

Wenn die Zukunft zu einer binären Wahl zwischen chinesischer und westlicher Kultur würde - ein falsches Modell, das mehr als der Hälfte der Menschheit kulturelle Traditionen vorenthält -, dann spricht die Geschichte für Ersteres. Henry Kissinger, ehemaliger US-Außenminister und Mitorganisator des Besuchs von Präsident Richard Nixon in China, vergleicht die Feinheiten der chinesischen Diplomatie mit den Spielen Schach und Wei Qi (Go). Beim Schachspiel streben die hierarchisch organisierten Figuren nach dem Gesamtsieg, indem sie den Gegner vernichten - auch wenn es oft zu einer Pattsituation kommt. Beim Wei Qi fügt jeder Spieler schrittweise 180 gleichwertige Figuren oder Steine auf dem Brett hinzu, um den Gegner zu umzingeln, anstatt ihn zu eliminieren. 

  

Der Westen spielt Schach mit der Kultur. In der Überzeugung ihrer angeborenen Überlegenheit warfen die heidnischen römischen Kaiser den Christen den Löwen zum Fraß vor. Die spanische Krone betrieb mit Hilfe von Jesuiten, die zum Christentum bekehren wollten, in ganz Lateinamerika eine „Dekulturation“. Heutzutage fördern „gleichgesinnte“ Nationen den säkularen Glauben des Neoliberalismus und machen sich die Drohung des ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush zu eigen, dass „nicht mit uns zu sein, bedeutet, gegen uns zu sein“. 

  

China spielt Wei Qi. In der Vergangenheit akzeptierte es ohne Eroberung die Loyalität ausländischer Gesandter durch die Formalität des Kotaus vor dem Kaiser. Heute strebt China, wie Xi Jinping bestätigt, „eher nach Austausch und gegenseitigem Lernen zwischen den Zivilisationen als nach kultureller Hegemonie“, setzt sich für „Kooperation statt Konfrontation“ ein und „begünstigt weder Gefolgsleute“ noch „bestraft es Gegner“. 

  

*Robert Walker ist Professor an der Chinesischen Akademie für Sozialmanagement, Institut für Soziologie an der Pädagogischen Universität Beijing und emeritierter Professor sowie emeritierter Fellow des Green Templeton College der University of Oxford. Außerdem ist Walker Fellow der Royal Society of Arts und der Academy of Social Sciences in Großbritannien.    

 

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