„Gebt
uns ein Tor!“
Von
Olivier Roos
7,32 m auf 2,44 m, das sind
gerade 17,86 m2. Auf diese kleine Fläche konzentrierten
sich während zehn Tagen im Juni die Hoffnungen von 1,3
Milliarden Chinesen. Während drei mal 90 Minuten waren
sie, oder zumindest diejenigen unter ihnen, die die Spiele
der chinesischen Fußballnationalmannschaft an der WM
live am Fernseher oder am Radio verfolgen konnten, bis in
die letzte Faser gespannt gewesen, hatten auf Erlösung
gewartet, bereit zum großen Jubelschrei. Doch dreimal
blieb nach der Vorfreude, nach gebannter Erwartung, nach zunehmender
Verzweiflung nur die Enttäuschung. Dabei war ihr Wunsch
so bescheiden gewesen. Nichts mehr hatten sie verlangt, als
dass das Prinzip des Spiels, „das Runde muss ins Eckige“,
einmal für sie Wirklichkeit werde. Es hat nicht sollen sein.
0:9 lautete das Verdikt für China nach der Vorrunde.

Am 4. Juni, einem historischen
Tag, fällt der Startschuss. Zum ersten Mal spielt China
an einer Fußball-WM mit. Der chinesische Fußballverband
hält die Ansprüche niedrig – zeigen, was man kann, lernen,
soviel es geht – und die Fans wollen nur eines: „Gebt uns
ein Tor!“ Doch die Beijinger Jugendzeitung fordert
nichts weniger, als dass China zusammen mit Japan und Südkorea,
die am selben Tag ihren Einstand geben, Ostasiens Stern aufgehen
lasse, nachdem Saudi-Arabien mit dem 0:8 gegen Deutschland
schon „den Ruf ganz Asiens ruiniert“ hat. Und so sind hier
im Fremdsprachenverlag die Mittagsgespräche in der Kantine
von einem Thema beherrscht: Costa Rica – China. Der eine oder
die andere träumt insgeheim von einem Punkt in der ersten
Partie. Immerhin sind die Mittelamerikaner auf dem Papier
eindeutig schwächer als die anderen Gruppengegner Türkei
und Brasilien.

14.30 im fünften Stock von
China heute, man wird sehen. Echte Fußballfans
und Neugierige haben sich versammelt. Einer, der weiß,
was sich gehört, hat schon Bier kühl gestellt. Das Spiel
beginnt verhalten. Costa Rica ist spielerisch im Vorteil,
die chinesische Verteidigung gibt sich gelassen, bisweilen
etwas gar lässig. Ab und zu gelingt den Chinesen ein
schneller Vorstoß über die Außenpositionen, doch
gefährlich wird es selten. Pausenstand: 0:0. Noch bleibt
Hoffnung, noch darf weiter geträumt werden. Zweite Halbzeit,
das zweite Bier. Sind nicht ganz kühl geworden, die Getränke,
eine Bierfontäne wird mit den Worten quittiert: „Machst
du schon den Champagner auf? Ist doch noch gar kein Tor gefallen!“
61. Minute: Der erste Dämpfer für die chinesischen Erwartungen
– Costa Rica geht in Führung. Vier Minuten später die
kalte Dusche: 2:0. Ich vernehme spöttisches Gelächter.
Wer höher fliegende Träume hatte, besinnt sich auf
seine Rückzugsposition (ein Tor für China), die anderen haben
es schon immer gewusst: China hat an dieser WM keine Chance.
In der zweiten Runde darf
China gegen Brasilien antreten. Brasilien! Für manchen chinesischen
Spieler dürfte dies das Traumlos gewesen sein, wenn man sieht,
wie ihre Augen leuchten, als sie Ronaldo die Hand schütteln
dürfen. Der weiß gar nicht, wie ihm geschieht und ist
ob all der Ehrfurcht, die ihm entgegengebracht wird, etwas
verdattert. Wir schauen uns das Spiel mit 3000 anderen auf
dem Großbildschirm beim Arbeiterstadion an. So kann
man zwischen zwei Spektakeln auswählen: dem Geschehen
auf dem Rasen oder der Menge auf dem Platz. Bloß die
bemitleidenswerten Bao’an, die Sicherheitsleute, müssen
die Bühne bewachen und dem Fußballspiel den Rücken zukehren,
eine harte Willensprüfung. Für die chinesische Mannschaft
kann es gegen die Ballkünstler aus Südamerika nur darum gehen,
eine gute Figur zu machen. Wenigstens besteht keine Gefahr,
dass diese so verbissen daran arbeiten werden, ihren Gegner
zu demütigen, wie es die Deutschen gegen Saudi-Arabien getan
haben. Tatsächlich machen Ronaldo, Rivaldo & Co.
den Eindruck, als ob sie im Spargang drei Punkte abholen wollen.
Was ihnen auch gelingt. Zur Pause führen sie bereits 3:0,
ohne uns mit berauschendem Fußball begeistert zu haben.
Da machen die Chinesen schon mehr für das Spiel und halten
ihre Anhänger bei Laune. Diese sorgen mit zunehmender
Spiellänge selber für die richtige Stimmung. Musste in
der ersten Halbzeit ein chinesischer Spieler in die Nähe
des brasilianischen Strafraums vordringen, damit ein Raunen
über den Platz ging, so wird in der zweiten Spielhälfte
jeder Pass über die Mittellinie bejubelt. In der 61. Minute
jedoch reißt es ganz China von den Stühlen und ein Aufschrei
hallt durch die Nacht: Zhao Junzhe dribbelt sich durch die
brasilianische Abwehr und zieht ab – aber der Ball trifft
nur den Pfosten… So heißt es beim Schlusspfiff 0:4 statt
1:4. Schade. Ein Tor gegen Brasilien hätte man den Chinesen
schon gegönnt, es wäre ihr „Golden Goal“ gewesen.
Das dritte Spiel, gegen die
Türkei, ist für die chinesische Auswahl die letzte Gelegenheit,
einen Ehrentreffer zu landen und ihre Fans für die emotionalen
Strapazen der letzten Tage zu entschädigen. In der Beijinger
Jugendzeitung wird ein Fan mit den Worten zitiert, ihm
sei ein 1:10 lieber als ein 0:5. Hier im Haus ist die Zuschauerrunde
schon kleiner geworden. Unentwegte, die noch immer gewagt
haben, von einem Punkt zu träumen, werden bald hart in
die Realität zurückgeholt. Nach nur neun Minuten liegt
China bereits mit zwei Toren im Rückstand. Die chinesischen
Spieler scheitern am letzten, entscheidenden Pass und kommen
so kaum in Tornähe, zum Ärger ihrer Landsleute.
So wird ihr Wunsch nach einem Tor nie in Erfüllung gehen.
Der Kollege von der spanischen Abteilung, der sich mit etwas
Verspätung zu uns gesellen will, kehrt auf der Stelle
um, als er das Resultat erfährt. Dann, aus dem Nichts
heraus, durchbricht ein Schrei die schwüle Mattigkeit des
Versammlungsraums. Yang Chen knallt den Ball am wie angewurzelt
dastehenden gegnerischen Torhüter vorbei in Richtung linke
obere Ecke – doch abermals müssen 600 Millionen Fernsehzuschauer
miterleben, wie sich ihre Hoffnungen mit einem metallenen
„Klonk!“ am Pfosten zerschlagen. Während der türkische
Schlussmann aufatmet, sinkt Yang auf die Knie und mit ihm
eine ganze Nation. Zuerst hatten sie kein Glück, und dann
kam auch noch Pech dazu. Gesenkten Hauptes verlassen die chinesischen
Fußballer das Feld, nachdem sie kurz vor Ende der Partie
den dritten Gegentreffer hinnehmen mussten. Wenig später
können sich Korea und Japan für die Achtelfinals qualifizieren.
Ostasiens Stern ist ohne China aufgegangen, das eine nur leicht
bessere Bilanz aufweist als Saudi-Arabien. Die Chinesen müssen feststellen, dass im asiatischen Fußball die
Grenze zwischen Spreu und Weizen durch das Gelbe Meer verläuft.
Zu Hause brauen sich nach dem
letzten Auftritt an der Fußball-WM die ersten Schimpftiraden
zusammen. In den virtuellen Schwarzen Brettern im Internet
machen frustrierte Fans ihrer Enttäuschung darüber Luft,
dass es die chinesische Mannschaft nicht fertigbrachte, ihren
bescheidenen Wunsch zu erfüllen. „Es ist eine absolute Schande,
dass die chinesische Mannschaft ohne einzigen Torerfolg nach
Hause zurückkehrt“, beschwert sich jemand auf sina.com, einem
der größten Internetportale des Landes. Die China
Daily zeigt sich erleichtert darüber, dass sich der gekränkte
Nationalstolz nur im virtuellen Raum bemerkbar macht. Anderswo
würden Fußballfans nach dem Ausscheiden ihres Nationalteams
Autos umwerfen und gar Passanten niederschlagen, und immerhin
hätten noch im März dieses Jahres in Xi’an Anhänger
der Heimmannschaft aus Wut über ihre Niederlage im Stadion
Feuer gelegt und ein Polizeiauto angezündet. Doch das Ausscheiden
Chinas aus der WM ruft hierzulande zumeist stille Resignation
hervor. Einige erhoffen sich vom Resultat eine heilsame Wirkung
für die Zukunft. Jetzt wisse die chinesische Fußballwelt
wieder, wo sie im internationalen Vergleich wirklich stehe.
Bis zum ersten Punkt an einer WM ist es noch ein langer Weg.
Aber wenigstens ein Tor sollte doch das nächste Mal drinliegen.