Ein Gerüst aus Bambus, robustes Papier zum Bespannen und Lack als Finish: das sind die „Grundzutaten“, die man zur Herstellung eines chinesischen Ölpapierschirms braucht. Die nach alter Handwerkstradition gefertigten kleinen Meisterwerke, die fernöstliche Poesie verströmen, erzählen in prachtvollen Bildern ganze Geschichten. Einer nach dem anderen werden die frisch gefertigten Schirme zum Trocknen aufgehängt und verströmen dabei den feinen Duft von Tungöl. Aus der Ferne muten sie an wie Pfingstrosen in voller Blüte, bei näherem Hinsehen entfalten sich die bunt verwobenen Fäden und filigranen Blumenmuster vor dem Auge des Betrachters, als wollten sie den zarten Nebel der südchinesischen Regenlandschaft sichtbar machen.
Das Hauptwerkzeug hat fünf Finger: Die Herstellung traditionaler Ölpapierschirme ist äußerst aufwendig und erfolgt bis heute vollständig von Hand.
Die Wurzeln dieser Schirme reichen bis in die Han-Dynastie (202 v. Chr. bis 220 n. Chr.) zurück. In der Tang- (618–907) und Song-Dynastie (960–1279) erlebten sie ihre Blütezeit. Jeder Schirm entsteht in Dutzenden Arbeitsschritten in reiner Handarbeit: Das hauchdünne Papier wird Blatt für Blatt vorsichtig auf das Bambusgerüst gespannt und anschließend sorgfältig lackiert. Tuschemalerei und Kalligrafie verleihen den kleinen Kunstwerken dann den letzten Schliff, bringen traditionelle chinesische Ästhetik und Lebensweisheit unter einen Schirm.
Ölpapierschirme haben dabei nicht nur praktische, sondern auch symbolische Bedeutung. Sie gelten in China beispielsweise als Glücksbringer bei Hochzeiten. Denn das Wort Ölpapier klingt im Chinesischen ähnlich wie „viele Kinder haben“. Die Schirme gelten somit als gutes Omen für eine reiche Kinderschar und als Segensbringer für Haus und Hof. In chinesischen Gedichten, Gemälden und Filmen erscheint der Ölpapierschirm stets als Symbol für Zartheit und Abschied. Das Bambusgestänge steht zudem sinnbildlich für Standhaftigkeit und Bescheidenheit – Tugenden, die seinem Besitzer zugeschrieben werden.
Bunt abgeschirmt: In dieser Werkstatt in der Stadt Shangrao in der Provinz Jiangxi fertigen fleißige Hände farbenfrohe Schirme nach alter Handwerkstradition.
Lange Geschichte, regionale Vielfalt
Bereits in der Antike war die Herstellung von Regenschirmen in China ein Traditionshandwerk. Legenden zufolge erfand die Frau des berühmten Baumeisters Lu Ban (507–444 v. Chr.) den ersten Schirm aus Bambusstreifen und Tierhaut. Später ersetzten die Chinesen die Tierhaut durch dünnes Papier, das sie mit Öl tränkten – so entstand der erste echte Ölpapierschirm. Beschreibungen des Schirmbaus finden sich auch in den Klassikern der chinesischen Technikliteratur wie in Shen Kuos „Pinselunterhaltungen am Traumbach“ (Meng Xi Bi Tan) und Song Yingxings „Erschließung der Kreationen von Mensch und Natur“ (Tian Gong Kai Wu).
Im Laufe der Zeit entwickelte jede Region Chinas ihren eigenen Schirmstil. In Gegenden wie Yunnan, Sichuan, Jiangxi oder Fujian griff man dabei auf lokale Materialien und Motive zurück. Auch die Funktionen variierten. So nutzte das Dai-Volk im Süden Chinas Ölpapierschirme bei Totenzeremonien, während in Sichuan prachtvoll bemalte Exemplare mit goldenen Drachen- und Phönixmotiven als Glücksbringer bei Hochzeiten dienten. Sogar die kaiserliche Hoheit blieb vom Zauber der filigranen Kunstwerke nicht unbeeindruckt: Schirme aus der Gemeinde Fenshuiling (in der Provinz Sichuan) wurden im 17. Jahrhundert als Tribute an den Hof geliefert. Einer Überlieferung zufolge soll Kaiser Kangxi solche Schirme höchstpersönlich bemalt und mit Widmungen versehen haben, um verdienstvolle Beamte zu belohnen.
Schließlich eroberte der Ölpapierschirm ganz Asien. Bereits in der Tang-Dynastie gelangte er nach Japan, wo man ihn lange „Tangschirm“ nannte, später auch nach Korea. Nach und nach reiste er weiter nach Vietnam, Thailand und Laos, wo ihn die Einheimischen mit lokalen Stilen und Mustern bereicherten.
Behutsamkeit ist gefragt: Diese Handwerkerin in der Stadt Luzhou in der Provinz Sichuan fertigt gerade einen Schirm aus Ölpapier.
Unzählige Arbeitsschritte
Der Weg vom rohen Bambusstamm zum fertigen Schirm ist lang und verlangt großes Fingerspitzengefühl. Handwerklich spricht man im Volksmund gerne von „72 Arbeitsschritten“, denn so umfangreich ist die Fertigung – das Schleppen der Materialien noch gar nicht miteingerechnet. Im Kern gliedert sich die Herstellung aber in drei Phasen: die Erzeugung des Gestänges, das Bespannen mit Papier und schließlich die Verzierung mit Malerei und Öl.
Für das Gestänge verwendet der Handwerker hochwertigen Bambus. Er entrindet das Material, trocknet es und spaltet es in glatte Streifen. Der gesamte Schirm soll aus einem einzigen Bambusstamm gefertigt werden, damit sich dieser beim Auf- und Zuklappen exakt ineinanderfügt. Danach bohrt der Handwerker Löcher, setzt die einzelnen Teile zusammen und fädelt feinen Zwirn durch die Bohrungen, um Schirmhalter und Schirmkopf zusammenzubinden. Für einen vollständig eingefädelten Ölpapierschirm werden fünf Fäden von jeweils sieben Metern Länge benötigt. Es dauert mindestens eineinhalb Stunden, um einen solchen Schirm herzustellen, ohne dass sich Knoten in den Fäden bilden.
In einem nächsten Schritt wird der Schirmbezug angebracht: Einzelne Bahnen eines sehr reißfesten Papiers werden Blatt für Blatt vorsichtig über das Gestänge gelegt und auf der Innenseite verklebt. Als Kleber dient traditionell ein Extrakt aus der Frucht der Kaki, das das Papier am Gestänge befestigt. Um ungewollte Faltenbildung zu verhindern, dürfen die Rohschirme zudem nur im Schatten trocknen.
Danach wird das getrocknete Papier zur Leinwand. Mit feinem Pinsel verewigen Maler darauf farbenprächtige Blumen, lebensechte Vögel oder elegante Damen. Die Motive sind oft symbolträchtig: Für Hochzeiten werden beispielsweise Drachen und Phönixe oder Figuren aus chinesischen Legenden gewählt, die Glück und Zusammenhalt verheißen. Zu Geburtstagen wird das Motiv „Hundert Vögel huldigen“ oder eine knorrige Kiefer bevorzugt, da diese jeweils hohes Ansehen bzw. Langlebigkeit symbolisieren. Manchmal ziert auch die typische Blaumalerei oder ein lächelndes Baby den Schirm. Fest steht: Jedes Motiv macht ihn einzigartig.
Jeder Arbeitsschritt muss sitzen: Diese Handwerkerin in der Stadt Luzhou in Sichuan bereitet das Schirmgestell für die Bespannung mit Ölpapier vor.
Schließlich folgt der entscheidende Schritt für einen Ölpapierschirm: Die Außenseite wird mehrfach mit reinem Tungöl – einem satten Öl gepresst aus den Samen des Tungbaums – überzogen. Das Öl zieht tief ein, macht das Papier wasserdicht und schimmelresistent, ohne es zu versteifen. Je transparenter das Ölpapier wirkt, desto höher ist die Qualität des Öls und desto robuster ist der fertige Schirm. Dem Taoismus zufolge hat das Öl sogar eine magische Wirkung: Sein Geruch soll böse Geister vertreiben.
Von der Auswahl des geeigneten Bambus bis zur Fertigstellung des Schirms gehen rund zwei Wochen ins Land. In diesem Zeitraum müssen mindestens drei Sonnentage eingeplant werden, vor allem zum Trocknen des Gerüsts und zum Auftragen des Tungöls. Regnerische und feuchte Tage verzögern den Prozess, da der Bezug nach dem Kleben ans Gestänge nur langsam trocknet. Selbst heute muss ein Handwerker nahezu jeden Schritt von Hand erledigen, nur das Spalten des Bambus wird durch moderne Technik erleichtert. Doch das Ergebnis entschädigt für jede Mühe: Ein Ölpapierschirm guter Qualität überdauert Jahrzehnte, ohne seinen kunstvollen Charme einzubüßen.
Dieses alte Handwerk sollte man auf dem Schirm haben: Wer einen Ölpapierschirm aufspannt, entfaltet ein echtes Kunstwerk.
Ein Stück lebendiges Kulturerbe
Mit der Erfindung der preiswerten Nylon-Variante mit ausziehbarem Stahlgestänge Mitte des 20. Jahrhunderts geriet der traditionelle Ölpapierschirm in China zunehmend ins Hintertreffen. Er galt vor allem als Museumsstück und Zeugnis alter Handwerkskunst. Doch seit einigen Jahren feiert er ein Revival – dank der Rückbesinnung auf den sogenannten „Guofeng“, den traditionellen chinesischen Stil. Junge Menschen in traditioneller Kleidung der Han-Chinesen (Hanfu) greifen den Schirm als stilvolles Accessoire wieder auf und internationale Modedesigner entdecken ihn als exotisches Motiv. Der Grund dafür liegt in seiner komplexen Herstellung und seinem poetischen Charme: Als Symbol für Schönheit, Geduld und kulturelle Tiefe fasziniert diese harmonische Verbindung von Bambus und traditioneller Handwerkskunst noch immer – und wird auch in der neuen Zeit neues Leben finden.
*Professorin Chen Ping, Vorsitzende des UNESCO Chair on World Traditional Handicrafts: Inheritance and Innovation. Sie ist zugleich Direktorin des Instituts für Kulturerbe und Kreativindustrie an der Jinan-Universität in Guangzhou in der Provinz Guangdong sowie Vizepräsidentin der Internationalen Organisation für Volkskunst (IOV).
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