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Der Sino-German Ecopark Qingdao – Ein deutsch-chinesisches Erfolgsmodell

27-12-2017

 

Von Daniel Elsäßer (Sino-German Ecopark Qingdao)

 

Anfang im Grünen

 

Unmittelbar vor dem offiziellen Baubeginn im Jahr 2013 gab es in Anbetracht der Situation vor Ort noch recht wenig Anlass, optimistisch in die Zukunft zu blicken. Auf dem Plangelände, einer grünen Wiese mit ein paar Dörfern, auf dem der Sino-German Ecopark entstehen sollte, stand damals nur eine Holzhütte als vorläufiges Bürogebäude. Die dort arbeitende, damals noch aus 50 Mitarbeitern (heute mehr als 300) bestehende Belegschaft des neu gegründeten Staatsunternehmens pendelte täglich zum Mittagessen eine halbe Stunde mit dem Auto hin und her. In fünf bis zehn Jahren wird hier ein neuer Stadtteil entstehen, hieß es damals. Es gab aber weder eine U-Bahn, noch zukunftsträchtige Straßen im Plangebiet. Wer sollte hier investieren?

 

Standardfabrik im Sino-German Ecopark

 

Qingdao ist ein in China beliebter Urlaubsort, der für seine hohe Lebensqualität bekannt ist. Die Stadt mit dem weltweit siebtgrößten Hafen und ca. 9,2 Millionen Einwohnern liegt an einer großen Bucht, der Jiaozhou-Bucht. Diese war im Jahr 2011 mit zwei neuen Verkehrsverbindungen, nämlich einer 40 Kilometer langen Brücke und einem Tunnel vollständig neu erschlossen worden, und die Entwicklung im Stadtteil Westküste machte rasante Fortschritte.

 

Auch vorher schon hatte es hier eine ausländische Community, ein modernes Krankenhaus, Einkaufsmöglichkeiten, Bars, Hotels, eine Fährverbindung in die City, Schienenverkehr und Autobahnen gegeben. Qingdao ist schon lange eine durch und durch moderne Stadt, die 2008 Austragungsort der olympischen Segelwettbewerbe war. Beim BIP Ranking 2016 lag Qingdao mit 1,1 Billionen RMB auf dem dritten Platz unter allen Städten Nordchinas.

 

Doch sind den meisten Deutschen eben oftmals eher asiatische Städte wie Shanghai, Beijing oder Seoul ein Begriff. Die infrastrukturelle Ausgangssituation aber machte eine Platzierung des Ecoparks in Qingdao Westcoast durchaus sinnvoll und den erfolgreichen Entwicklungsprozess möglich. Es konnte also losgehen, doch deutsche Investoren hielten sich anfangs zurück.

 

Entwicklungsfaktor Fußball 

 

Auf dem Parkplätzchen vor dem Büro wurde mittags gekickt. Der Ball rollte, und brachte eine Lawine ins rollen. Denn dann tauchte eine andere Idee auf: Fußballkooperation! Die Lokalregierung von Qingdao formierte im Juli 2013 ein Verwaltungskomitee für den Sino-German Ecopark. Die Planung der Infrastruktur lief auf Hochtouren. Mit zunächst 700 Arbeitskräften wurde an der Freiräumung von Bauflächen gearbeitet. Tag und Nacht, sieben Tage die Woche, bei jedem Wetter.

 

Kontakte zum German Centre Shanghai waren hergestellt, Ausstellungen und Besuche auf Messen, durchgeführt worden. Auf Ministerialebene hatten Arbeitssitzungen stattgefunden. Ein ökologisches Indikatorensystem wurde erstellt und von TÜV-Nord zertifiziert. Die Entwürfe renommierter deutscher Planungsfirmen wie gmp und Obermeyer lagen vor. Der Bau eines 80.000 Quadratmeter großen Ansiedlungsgebiets für die umliegenden Dörfer wurde begonnen.

Der Bau der Infrastruktur, die Umsetzung von vorläufigen Projektideen, die Anziehung von Investoren – all dies verlief quasi zeitgleich. Und die Anstrengungen sollten von Erfolg gekrönt werden.

 

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie führte erstmals für einen ausländischen Industriepark eine Infoveranstaltung durch. Im April 2014 wiesen Sigmar Gabriel und sein Amtskollege des chinesischen Wirtschaftsministeriums, Gao Hucheng, auf eine erfolgreiche Entwicklung des Sino-German Ecoparks hin. Auf allerhöchster Ebene wurde eine Kooperation zwischen Professor Ludwig Rongen und dem Sino-German Ecopark unterzeichnet. Dies machte den Weg frei für den Bau eines der ersten Passivhäuser in China, realisiert durch das Architektentrio Rongen-Tribus-Vallentin. Planerische Konzepte wie die Schwammstadt, eine Smart City und dezentrale Energieversorgung wurden in die Stadtplanung eingearbeitet.

 

Erste Durchbrüche

 

Stefan Weil zu Besuch im Ökopark 

 

Die Firma Siempelkamp Pressensysteme siedelte sich als erstes vollständig selbst investiertes deutsches Unternehmen im Sino-German Ecopark an, und mit der Obermeyer Planungsgesellschaft wurde erfolgreich ein Jointventure realisiert. 2014 wurde Qingdao Westküste zu einer nationalen Neuzone ernannt, womit man nun auf einer Stufe mit Shanghai Pudong stand.

 

In München wurde unterdessen das erste von zwei Verbindungsbüros eingerichtet. Zwölf große Informationsveranstaltungen und 400 Besuche bei Unternehmen und Institutionen wurden durchgeführt, Internet- und Social Media Auftritt realisiert. Die vorhandene Investitionsumgebung und ihr Entwicklungspotenzial fanden breite Anerkennung. Weitere deutsche Unternehmen wie Sophienhammer, Steigenberger, Irmler Piano, Applitest, Menzerna und andere siedelten sich an.

 

Durch den Kauf einer insolventen deutschen Firma wurde der Sino-German Ecopark der erste chinesische Gewerbepark, der die Notierung an der Frankfurter Börse erreichte. Die Sino-German United AG war geboren. Das vom German Centre Shanghai betriebene German Enterprise Centre Qingdao nahm 2016 seinen Geschäftsbetrieb auf. Mittlerweile zählt das Haus schon 15 Mieter. Ein Projekt von Airbus Helicopters, das ursprünglich für den Ecopark vorgesehen war, wurde aus Gründen der Luftraumkontrolle in einen anderen Stadtteil verlegt. Die ContiTech AG siedelte sich mit einer Produktionsbasis für Fluid-Technik an.

 

Chinesisches Tempo, deutsche Präzision

 

Delegation aus Bayern mit Ökpark-Verantwortlichen 

 

Die Entwicklung des Ecoparks wird seither entschlossen und zielgerichtet auf sehr vielen Ebenen vorangetrieben. Und die Zielrichtung des Ecoparks beschränkt sich dabei bei weitem nicht nur auf Deutschland. So gibt es auch Kooperationen mit anderen europäischen oder zum Beispiel südkoreanischen Unternehmen und Regierungseinrichtungen. Schwerpunkte der Entwicklung sind Passivhaustechnik, die Industrie 4.0, Gentechnik sowie Automobil und Zulieferung.

 

Vor Ort im Ecopark wurde ein Zentrum für den Schutz geistigen Eigentums eingerichtet, das dazu dient, angesiedelten Unternehmen mit Beratung und Service-Leistungen zur Verfügung zu stehen. Ein chinesisch-europäischer runder Tisch zum Schutz geistigen Eigentums wurde in Qingdao veranstaltet. Eine E-Commerce Plattform für den Import deutscher Produkte wurde ebenfalls errichtet. Hier konnten Handelskooperationen mit Rossmann und Bitburger umgesetzt werden.

 

Auch kulturell gibt es zahlreiche Entwicklungen. So führte die Ansiedlung der Irmler Pianofortefabrik  zur Austragung eines jährlichen Klavierwettbewerbs im Ecopark. Damit das Runde im Eckigen landet, wurde mit Hilfe eines bekannten deutschen Fußballtrainer-Beraters, der bereits Trainer der chinesischen Nationalelf war, eine Fußballkooperation in Gang gebracht. Der FC Bayern München eröffnete seine chinaweit erste FC Bayern Football School, und so finden nun jährlich mehrere Trainingscamps für chinesische Nachwuchsspieler statt. 

 

Dies passt sehr gut zu einer aktuellen chinesischen Nationalstrategie, nämlich chinesischen Fußball international konkurrenzfähiger zu machen. Der Sport birgt zudem das Potenzial für weitere Kooperationsmöglichkeiten in Bereichen wie Equipment, Physiotherapie und Sportmedizin. Für mehrere deutsche Städte, darunter Mannheim und Oldenburg wurden Ausstellungen durchgeführt.

 

Chancen für kleine und mittelständische Unternehmen

 

Deutsche Unternehmen werden im Ecopark mit sehr viel Offenheit und Anpack-Mentalität empfangen. Bis zu 80 Mitarbeiter vor Ort bringen Studien- oder Arbeitserfahrung in Deutschland mit. Das Passivhaus und damit verbundene Industrien stehen besonders im Fokus. Derzeit sind gleich mehrere Wohnsiedlungen im Passivhaus-Standard in Planung. Besonders gute Chancen können sich daher Unternehmen aus Bereichen wie Komponenten für Niedrigenergie- und Passivhäuser, Energietechnik, Fertigbau sowie Fenster und Türen ausrechnen.

 

Der Schlüssel für den langfristigen Erfolg dieses deutsch-chinesischen Kooperationsprojektes liegt im Verhandlungsgeschick sowie der intensiven Beschäftigung mit der chinesischen Geschäftsetikette und Kultur. Der Sino-German Ecopark hat sich zu einer schnell in alle Richtungen wachsenden Unternehmensgruppe entwickelt. In Zukunft dürfte es mit dem Projekt weiter aufwärts gehen. 

 

 

Qingdao Sino-German Ecopark –Zahlen und Fakten im Überblick

 

- Unterzeichnung einer Absichtserklärung zum Aufbau des Ecoparks zwischen dem Ministry of Commerce und dem Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie im Jahr 2011 im Beisein der Bundeskanzlerin und des chinesischen Ministerpräsidenten

 

- Lage: Provinz Shandong, Qingdao Westcoast New Area

 

- Verwaltung: Verwaltungskomitee des Sino-German Ecopark Qingdao

 

- Erschließung: Qingdao Sino-German United Group, Westcoast Investment Promotion Co., Ltd.

 

- Anzahl der deutschen Unternehmen: 23 (Stand Dezember 2017)

 

- Börsengang der Sino-German United Group in Frankfurt a.M. durch Übernahme einer börsennotierten deutschen Firma

 

- Verbindungsbüros in München und Frankfurt

 

- Planfläche derzeit: 35 km², davon 45 Prozent Industrie, 25 Prozent Gewerbe und Wohnen sowie 30 Prozent Grünflächen

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